text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Kontinent Doderer Eine Durchquerung von Nüchtern, Klaus (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 05.09.2016
  • Verlag: Verlag C.H.Beck
eBook (ePUB)
22,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Kontinent Doderer

Die Romane Heimito von Doderers sind spannend, handlungsstark, figurenreich und sehr, sehr komisch - 50 Jahre nach dem Tod des Autors allerdings bilden sie einen fast vergessenen literarischen Kontinent. Dieser ist jetzt neu zu entdecken. Der Wiener Literaturkritiker Klaus Nüchtern folgt bei seiner Durchquerung des "Kontinents Doderer" strikt der eigenen Neugierde. Er durchmisst ganz Sibirien, wo der Autor im Kriegsgefangenenlager zum Schriftsteller wird, und steigt die Stufen nicht nur der berühmten Strudlhofstiege hinauf, sondern auch ins Souterrain schlecht ausgeleuchteter Hausflure herab, wo die von Doderer inbrünstig gehassten Hausmeister hausen. Akribisch, aber nie akademisch, kritisch, aber nie verbissen, wird Doderers verschlungener Weg vom NSDAP-Mitglied zum gefeierten Über-Österreicher der Nachkriegszeit verfolgt. Nüchtern registriert die restaurativen Tendenzen Doderers ebenso wie dessen Tuchfühlung mit der Avantgarde und weist unter anderem nach, dass der passionierte Voyeur und arrogante Kinomuffel erstaunlich viel mit Alfred Hitchcock zu tun hatte. Klaus Nüchtern, geboren 1961 in Linz a. d. Donau, studierte Germanistik und Anglistik in Wien. Er leitete das Feuilleton der Zeitung "Falter", wo er nach wie vor als Kritiker und Kolumnist tätig ist. 2011 erhielt er den Österreichischen Staatspreis für Literaturkritik , zuletzt erschien "Buster Keaton oder die Liebe zur Geometrie" (2012).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 352
    Erscheinungsdatum: 05.09.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783406697456
    Verlag: Verlag C.H.Beck
    Größe: 5225 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Kontinent Doderer

HEIMITO VON DODERER. EINE GEBRAUCHSANWEISUNG

Kurzes Vorwort zu der Frage, warum man Heimito von Doderer heute noch lesen soll, und ein nicht minder knapper Ausblick auf das, was die Leserinnen und Leser erwartet, wenn sie die Antwort darauf in diesem Buch suchen. Nebst einer beruhigenden Erklärung hinsichtlich des angstfreien Umgangs mit Fußnoten

"Von den Romanen Doderers und mehr noch von seinen Tagebüchern und Aufsätzen kann mit einiger Sicherheit behauptet werden, daß sie für breite Leserschichten ohne Bedeutung bleiben müssen. Das aristokratische Selbstverständnis des Autors, die Eigenwilligkeit seiner Sprache, die Kompliziertheit seiner schriftstellerischen Technik und die Esoterik seines Denkens schaffen eine Distanz, die der ungeschulte Leser kaum je wird überbrücken können."[ 1 ]

Die Phase des mehr oder weniger unbestrittenen Ruhms Heimito von Doderers währte maximal fünfzehn Jahre. 1951 war der damals 54-jährige, bis dahin praktisch unbekannte Autor mit der "Strudlhofstiege" zu zumindest lokaler Berühmtheit gelangt, fünf Jahre später glückte ihm mit seinem Opus magnum "Die Dämonen", an dem er ein Vierteljahrhundert gearbeitet hatte, der Durchbruch. Im Juni 1957 zierte sein Konterfei das Cover des Spiegel , der in Doderer einen legitimen "Thronfolger für die verwaisten Kronsessel der deutschen Literatur"[ 2 ] erblickte. Mit einem Mal galt der Mann aus Wien als aussichtsreicher Kandidat für den Literaturnobelpreis.

Als Doderer, der in wenigen Jahren zum quasi offiziellen und unstrittigen Repräsentanten der österreichischen Nachkriegsliteratur avanciert war, im Jahr 1966 starb, soll Thomas Bernhard erfreut aus seinem Fernsehsessel aufgesprungen sein und in die Hände geklatscht haben: "Jetzt ist die Bahn frei, jetzt komme ich."[ 3 ] Der ehrgeizige Jungdichter, der zu diesem Zeitpunkt sein Romandebüt "Frost" (1963) und die Erzählung "Amras" (1964) publiziert hatte, sollte recht behalten: Er hat Doderer in kürzester Zeit abgehängt, und der konnte bis heute auch keinen Meter mehr gutmachen.[ 4 ]

Bereits ein Jahrzehnt nach seinem Tod - das Eingangszitat stammt von 1976 - wurde Doderer von vielen mehr oder weniger abgeschrieben. Die affirmative Phase, in der der Autor zum "Austriae Poeta Austriacissimus" (Friedrich Torberg) stilisiert worden und die Germanistik es gewohnt war, "sich in den Analysen ganz innerhalb des von Doderers Reflexionen vorgezeichneten Verständnishorizontes aufzuhalten",[ 5 ] kommt im Laufe der 70er-Jahre an ihr Ende. Darüber hinaus findet eine als ideologiekritisch sich verstehende Literaturwissenschaft in dem "große[n] Schweigen, mit dem [in der Doderer-Forschung, K. N.] bisher über die entscheidenden Ereignisse der Jahre 1930-38 hinweggegangen werden mußte",[ 6 ] ein äußerst ergiebiges Studienobjekt. Daran hat sich bis heute wenig geändert. Mit kritischer Distanz, ja, Distanzierung[ 7 ] darf Doderer verlässlich rechnen, und die Auseinandersetzung mit seiner Verstrickung in den Nationalsozialismus steht nach wie vor im Brennpunkt des Interesses.

Der Autor des vorliegenden Buches sieht keinen Grund, hier dagegenzuhalten oder sich gar zu einer Verteidigung des Autors in politisch-biographischen Belangen aufzuschwingen, er möchte bloß nicht noch einmal in die gleiche Kerbe schlagen. Gerade weil die Mythen, Un- und Halbwahrheiten, die Doderer um seinen Beitritt zur NSDAP , der - kein Scherz! - am 1. April 1933 erfolgte, zeitlebens gewoben hat, durch Wolfgang Fleischers Biographie[ 8 ] und zuletzt in Alexandra Kleinlerchers umfänglicher Studie "Zwischen Wahrheit und Dichtung"[ 9 ] akribisch auseinandergenommen wurden, ist diesem Thema hier kein eigener Abschnitt gewidmet. Stattdessen wird der Fokus im Kapite

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen