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Literatur kompakt: Günter Grass von Brunssen, Frank (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.07.2014
  • Verlag: Tectum Wissenschaftsverlag
eBook (ePUB)
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Literatur kompakt: Günter Grass

Frank Brunnsen legt mit diesem Literatur kompakt-Band eine konzentrierte Darstellung zu Grass' literarischem und publizistischem Werk vor. Er ordnet seine Schriften biografisch, literarhistorisch und politisch-sozial ein und arbeitet in Interpretationen wichtiger Werke zentrale Themen von Grass heraus. Dazu gehören die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit, dem Aufstand vom 17. Juni 1953 in der DDR und dem Demokratischen Sozialismus, aber auch die mögliche Selbstvernichtung der Menschheit infolge von Umweltzerstörung und Rüstungswahnsinn, die Fragwürdigkeit der deutschen Einheit und die Problematik von Flucht und Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg. Vor diesem Hintergrund erörtert Brunssen Grass' Rolle als 'Gewissen der Nation' sowie seine Bedeutung als international wahrgenommener Intellektueller, dessen kritische Wortmeldungen wiederholt öffentliche Debatten ausgelöst haben. Einen besonderen Schwerpunkt legt der Band auf Grass' Selbstverständnis als Aufklärer.

Studium in Konstanz und Berlin. Promotion über Das Absurde in Günter Grass' Literatur der achtziger Jahre. Seit 1991 Dozent für German Studies an der Universität Liverpool in Großbritannien. Veröffentlichungen zur deutschen Zeitgeschichte und Literatur, unter anderem Das neue Selbstverständnis der Berliner Republik (2005) und Changing the Nation: Günter Grass in International Perspective (2008).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 240
    Erscheinungsdatum: 01.07.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783828857155
    Verlag: Tectum Wissenschaftsverlag
    Serie: Literatur kompakt Bd.7
    Größe: 8524 kBytes
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Literatur kompakt: Günter Grass

IMPULS

I. "Ich komme von der europäischen Aufklärung her"

Am 4. April 2012 veröffentlichten renommierte europäische Tageszeitungen ein Gedicht von Günter Grass, in dem Deutschlands bekanntester zeitgenössischer Autor schrieb, es sei an der Zeit, das öffentliche Schweigen über die "Atommacht Israel" zu brechen. Das Land gefährde den "ohnehin brüchigen Weltfrieden", weil es einen nuklearen "Erstschlag" gegen den Iran in Erwägung ziehe. Deutschland treffe dabei eine "Mitschuld", da es U-Boote an Israel liefere, die als Abschussrampen für Raketen verwendet werden könnten. Sowohl die israelische Nuklearpolitik als auch die iranischen Atomanlagen müssten unter internationale "Kontrolle" gestellt werden (Grass 2012, S. 88f.).

Das Gedicht Was gesagt werden muss löste eine heftige öffentliche Debatte aus, die sich alsbald zu einem internationalen Politikum auswuchs. Eine Minderheit meinte, Grass habe "etwas Vernünftiges" (Grosser 2012) gesagt, mit seinem Gedicht liege er "richtig" (Augstein 2012). Die Mehrheit hingegen sprach von einem "Pamphlet" (Grünbein 2012), einer inakzeptablen "Verkehrung von Opfern zu Tätern" (Goldhagen 2012), einem "moralischen und politischen Skandal" (Naumann 2012).

Collage der Grass-Kritik 2006–2012

Die Provokation, die von Grass' Israel-Gedicht ausging, stellt alles andere als ein isoliertes Phänomen dar. Der Schriftsteller hat von Beginn seiner Karriere an mit literarischen und publizistischen Veröffentlichungen Anstoß erregt. Als 1959 sein Debütroman Die Blechtrommel erschien, wurde er wegen der Schilderung sexueller Szenen und der Profanierung christlicher Symbole der "Pornographie" und "Blasphemie" (zit. nach Görtz 1984a, S. 98f.) bezichtigt. Der Bremer Senat verweigerte die Verleihung des städtischen Literaturpreises an Grass, christliche Fanatiker verbrannten seinen Roman Mitte der sechziger Jahre am Düsseldorfer Rheinufer. Er sei ein "Vaterlandsverräter" (GA 12, 234), hieß es, als Grass seinen Landsleuten 1990 wegen des Völkermords an den europäischen Juden das Recht auf den nationalen Einheitsstaat absprach. Später warf ihm ein Bundesinnenminister "Antiamerikanismus" (zit. nach Anon. 2001) vor, weil er nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 die Legitimität der amerikanischen Vergeltungsabsichten angezweifelt hatte. Und als er 2012 mit lyrischen Mitteln die israelische Atompolitik kritisierte, bezichtigte man ihn des "Antisemitismus" (Joffe 2012). Er stimme Grass "ausdrücklich nicht zu" (zit. nach Bannas 2012), ließ der Bundespräsident verlauten. Der israelische Premierminister sah in Grass' Gedicht eine "Verleumdung des jüdischen Staates" (zit. nach Wergin 2012), sein Innenminister erklärte Grass zur Persona non grata und forderte, ihm den Nobelpreis für Literatur abzuerkennen.

Dass Grass immer wieder provozierende Nadelstiche gesetzt hat, die neben Literaturkritikern auch Minister und selbst Präsidenten auf den Plan gerufen haben, gründet in seinem Selbstverständnis als Schriftsteller und engagierter Intellektueller. Grass begreift seine Literatur und seine Rolle als öffentliche Figur in der großen europäischen Tradition der Aufklärung. Angefangen von der Blechtrommel bis hin zu jenem Israel-Gedicht – stets ist es ihm vor allem anderen darum gegangen, "Tatsachen ans Licht zu fördern, Mystifizierungen zu zerstören" (WA X, 1

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