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Narrative Ambiguität Die Faustbücher des 16. bis 18. Jahrhunderts von Münkler, Marina (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 06.10.2011
  • Verlag: Vandenhoeck & Ruprecht
eBook (PDF)
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Narrative Ambiguität

Seit dem frühesten Faustbuch, der 1587 erschienenen Historia von D. Johann Fausten, hat die Geschichte des Teufelsbündners Johannes Faustus eine ungebrochene Faszination ausgeübt und ist in zahleichen Texten immer wieder neu bearbeitet worden. Dabei ist die weltberühmte Faust-Figur aber keineswegs gleich geblieben. Schon die hier untersuchten frühesten Faustbücher, deren Reihe sich von 1587 bis 1725 erstreckt, haben die Geschichte des Teufelsbündners, der alle "Gründ am Himmel und auf Erden" erforschen will und dafür dem Teufel nach Ablauf von 24 Jahren seinen Leib und seine Seele verschreibt, an zahlreichen Stellen verändert und umgeschrieben.

Produktinformationen

    Format: PDF
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 357
    Erscheinungsdatum: 06.10.2011
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783647367149
    Verlag: Vandenhoeck & Ruprecht
    Serie: Historische Semantik Bd.15
    Größe: 2777 kBytes
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Narrative Ambiguität

6. Identitäre Semantiken (S. 193-194)

An die basale Scheidung von Immanenz und Transzendenz in der religiösen Kommunikation schließen die beiden Leitsemantiken an, unter denen Fausts Identität beschrieben wird: Zauberei und curiositas. Beide Semantiken kennzeichnen illegitime Transgressionen in das dem Menschen verschlossene Gebiet der Transzendenz: Curiositas, indem sie diese Grenzlinie als Grenze des Wissbaren nicht anerkennt, Zauberei, indem sie die Trennlinie als Grenze des Möglichen negiert.

Damit installieren die beiden identitären Markierungen von Zauberei und curiositas Faustus als Grenzverletzer im doppelten Sinne: als Grenzüberschreiter, der sich qua Erkenntnis exklusiven Zutritt zur Seite der Transzendenz zu verschaffen versucht, und als Grenznegierer, der Aspekte der Transzendenz in die Immanenz herüberholen möchte. Damit ist ein doppeltes Bewertungskriterium innerhalb der Tradition der Faustbücher verbunden:

Sie können beide Grenzverletzungen hinsichtlich ihrer Möglichkeit wie auch hinsichtlich ihrer Bewertung thematisieren, aber sie können beide Aspekte auch getrennt voneinander betrachten. Aber in jedem Fall werden die beiden Semantiken vollständig personalisiert; es geht in den Faustbüchern nicht um Zaubererei und curiositas, sondern um den magus und den curiosus.

Faustus der Zauberer

Die rezeptionssteuernden Paratexte: Titel und Vorreden

Die Identität als Zauberer ist die erste und entscheidende Markierung, die Faustus aufgeprägt wird. Das belegen schon die Titel, die mit Ausnahme der Historie of the damnable life, and deserued death of Doctor John Faustus allesamt Faustus als Zauberer und/oder Schwarzkünstler bezeichnen.

Die Wolfenbütteler Handschrift kündigt die "Historia vnd Geschicht Doctor Johannis Faustj des Zauberers"1 an, der Spies'sche Erstdruck spricht von dem "weytbeschreyten Zauberer vnd Schwartzkunstler"2, der C-Druck von "Doct. Johann Fausti / de[m] ausbu ndigen Za uberer [...] vnd Schwartzkünstler"3, der Tübinger Reimfaust vom "weitbeschreiten Zauberer vnd Schwarzkünstler", Widman vom "weitberuffene[n] Schwartzku nstler vnd Ertzza uberer"5, Pfitzer vom "viel-berüchtigten Ertz-Schwartzkünstler"6, der Christlich Meynende schließlich von dem "durch die gantze Welt Beruffenen Ertz-Schwartz- Künstlers und Zauberer Doctor Johann Faust". Zum Zauberer und Schwarzkünstler gesellt sich dabei wie selbstverständlich die Berühmtheit oder das Berüchtigtsein, wobei die Konnotationen durchaus unterschiedlich sind: "weytbeschreyt" und "viel-berüchtigt" sind sehr viel stärker pejorativ als "weitberuffen" oder "durch die gantze Welt beruffen".

Während die letzteren Epitheta auch neutral konnotiert sein können, hat "beschreyung" eine eindeutig negative Konnotation, gehört es doch als Rechtsterminus zu den Präliminarien von Hexenprozessen: Wenn eine Person als Hexe oder Zauberer "beschrieen" wird, kann Anklage gegen sie erhoben werden. So nennt Theodor Graminaeus in seiner juristischen Abhandlung Inductio sive directorium: das ist Anleitung oder Vnderweisung / wie Richter in Criminal / vnd peinlichen Sachen / die Zauberer vnd Hexen belangendt / sich zuverhalten vnd der Gebu r damit zu verfaren haben (Köln 1594) unter den sieben Grundvoraussetzungen für richterliche Nachforschung an zweiter Stelle den Verdacht und die "Beschreyung"

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