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Nilpferde unter dem Haus Erinnerungen, Träume von Schneider, Hansjörg (eBook)

  • Verlag: Diogenes
eBook (ePUB)
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Nilpferde unter dem Haus

Über einen Zeitraum von zehn Jahren hinweg hat Hansjörg Schneider Tagebuch geführt. Er notiert Lektüren, Begegnungen, Projekte. Er hält die Glücksmomente fest, die der Tag bringt, und die Alpträume, die ihn in der Nacht heimsuchen. Und immer wieder führt die dichteste Gegenwart zurück in die Vergangenheit, die ihn nicht loslässt. Hansjörg Schneider protokolliert sein Leben - schonungslos gegen sich und die Welt, berührend und mit lakonischem Humor. Hansjörg Schneider, geboren 1938 in Aarau, arbeitete nach dem Studium der Germanistik und einer Dissertation unter anderem als Lehrer, als Journalist und am Theater. Mit seinen Theaterstücken war er einer der meistaufgeführten deutschsprachigen Dramatiker, seine Hunkeler

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 224
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783257601558
    Verlag: Diogenes
    Größe: 1336 kBytes
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Nilpferde unter dem Haus

[76] II

Tagebuch
17. Februar 2008 - 28. Mai 2008

Todtnauberg, 17. 2. 2008

Traum

Im Haus meines Vaters. Es sind viele fremde Leute da. Einige tragen die beiden Ehebetten hinaus.

Etwas später bin ich in unserem Haus im Elsass. Es sind wiederum viele fremde Leute da. Einige reißen Dächer, Wände und Böden von Wohnhaus, Stall und Scheunen weg, bis auf die Balken. Unter dem Haus kommt ein lehmiger Teich zum Vorschein, von dem ich geahnt, aber nichts Genaues gewusst habe. In diesem Teich liegen einige heimliche Tiere, reglos. Das sind Nilpferde, sagt jemand. Tatsächlich, ich sehe, dass es kleine Nilpferde sind. Sie haben sich hier versteckt, sie haben hier überlebt.

Heute Morgen bin ich in gleißendem Sonnenschein mit den Langlaufskiern über den Stübenwasen gewandert. Im Süden die Alpen vom Säntis bis zum [77] Montblanc. In mir drin die Trauer über die vergessenen Nilpferde. Blind geworden in der Dunkelheit, wartend auf einen Lichtstrahl.

Basel, 18. 2. 2008

Ich bin mit meiner Freundin C. auf die Staffelegg und durchs Schenkenbergertal hinunter an die Aare gefahren. Thalheim, Oberflachs, Schinznach, drei Juradörfer inmitten von Rebbergen, im Licht der fast schon frühlingshaften Sonne.

In Schinznach kam ich am Riniker-Haus vorbei, gleich gegenüber der Wirtschaft zum Hirzen. Darin ist mein Großvater mütterlicherseits aufgewachsen. Als Bub war ich dort oft in den Ferien. Jetzt wohnt ein entfernter Verwandter darin. Ich hätte anhalten und an die Tür klopfen können. Ich habe es nicht getan.

Nach Mittag bin ich vom Benkerjoch aus auf die Wasserfluh gestiegen, den Hausberg von Aarau. Der Weg führt über die Nordflanke des Jurakamms, der das Fricktal vom Mittelland scheidet. Schattige Viehweiden, viel schütterer Wald. Ab und zu ein Hof, wo einem ein einsames Rind nachglotzt. Kein Sonnenstrahl hier, nur die Jets am Himmel oben leuchten. Der Pfad sehr steil, die Kalkbrocken feucht und glitschig.

[78] Dann erreicht man den Kamm, man steht in der Sonne. Zu Füßen die Agglomeration von Aarau, dazwischen glitzernd die Aare.

Dort unten, in der Zelglistraße neben dem Friedhof, ist meine Mutter aufgewachsen. Dort unten in diesem Haus, ich glaube es zu erkennen, bin ich in der Gymnasialzeit jeden Mittag zum Essen eingekehrt. Und in jenem alten Gebäude in der Nähe des Bahnhofs habe ich die Schulbank gedrückt und mich gelangweilt, bis ich mit zwanzig die Matura erhielt. Dort neben der Aarebrücke, gleich am Ufer, muss heute noch die Bank stehen, auf der ich zum ersten Mal die Haut eines Mädchens berührte.

Ich nehme das alles zur Kenntnis, kaum mehr erschütterbar, mit kaltem Herzen. Ich bin alt. Ich werde mich beim Abstieg vorsehen müssen, um nicht zu fallen.

Todtnauberg, 20. 2. 2008

In drei Wochen erscheint mein nächster Hunkeler-Roman über die goldene Hand des Herzogs Rudolf von Rheinfelden. In fünf Wochen ist mein siebzigster Geburtstag. Mein Buchverlag hat den Motor der Promotion angeworfen. Und in mir regt sich die Alterseitelkeit.

Die Folgen bekomme ich deutlich zu spüren. Gestern ein Interview mit dem Schweizer Radio. Heute [79] eines mit dem Südwestrundfunk. Übermorgen eines mit einer deutschen Sonntagszeitung. Plötzlich wollen alle etwas von mir hören.

Das ist neu für mich. Ich bin zwar als Schriftsteller nicht erfolglos gewesen. Erfolg als Schreiber hat man, wenn man die Zeit, die man zum Schreiben braucht, mit dem Geld, das man mit dem Schreiben verdient, bezahlen kann. Das habe ich stets geschafft, auch dank A., die ebenfalls Geld verdient hat. Es war nicht immer einfach, es gab Zeiten, in denen wir sehr wenig Geld hatten. Aber zum Essen ausgehen und eine Flasche Wein trinken konnten wir immer.

Ich bin nie ein modischer Autor gewesen. Meist lag ich quer in der lit

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