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Rainer Maria Rilke Ein Wissender des Herzens von Schütze, Alfred (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 09.12.2016
  • Verlag: Verlag Urachhaus
eBook (ePUB)
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Rainer Maria Rilke

Nicht zuletzt die Zeitgenossenschaft ermöglicht es Schütze, mit einem distanzlosen Blick auf den Dichter über ihn zu schreiben, wie es späteren Biografen aus der historischen Distanz nicht mehr möglich war. Aus diesem Grund haben wir uns entschieden, diese "Biografie erster Hand" dem heutigen Leser wieder zugänglich zu machen. Alfred Schütze, geboren 1903 in Berlin, studierte Naturwissenschaften, interessierte sich aber schon früh für Literatur und philosophische Fragestellungen. 1927 wurde er Pfarrer der Christengemeinschaft und betreute die Gemeinden in Wuppertal, Stettin und Frankfurt. In seinem schriftlichen Werk beschäftigte er sich mit seelsorgerischen, philosophischen und mythischen Themen. Schütze starb 1972 in Frankfurt.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 151
    Erscheinungsdatum: 09.12.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783825161392
    Verlag: Verlag Urachhaus
    Größe: 2097 kBytes
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Rainer Maria Rilke

Das Wort

Denn das Wort muss Mensch werden.

Das ist das Geheimnis der Welt!

Goethe hat in jener Szene des Faust , in der sich dieser an die Übersetzung des Johannes-Evangeliums wagt, in einer bedeutsamen Weise das Verhältnis des Menschen zum Wort charakterisiert:

"Geschrieben steht: Im Anfang war das Wort!

Hier stock ich schon! Wer hilft mir weiter fort?

Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen,

Ich muss es anders übersetzen,

Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin.

Geschrieben steht: Im Anfang war der Sinn.

Bedenke wohl die erste Zeile,

Dass deine Feder sich nicht übereile!

Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft?

Es sollte stehn: Im Anfang war die Kraft !

Doch, auch indem ich dieses niederschreibe,

Schon warnt mich was, dass ich dabei nicht bleibe.

Mir hilft der Geist! Auf einmal seh ich Rat

Und schreibe getrost: Im Anfang war die Tat !"

Rembrandt, Faust . Rijksmuseum Amsterdam, um 1652

Man hat in diesen Versen Goethes eigene Stellung zum Worte sehen wollen, wie man ja häufig genug in naiver Weise die Faust-Gestalt mit Goethe zu identifizieren pflegt. Obendrein kommt die Zeitmeinung über das Wesen des Wortes dieser Deutung entgegen, sodass man keinen Anstand nahm, auch in den obigen Sätzen der Faust-Dichtung ein Stück jener Konfession zu sehen, wie sie im Ganzen genommen tatsächlich in seinen Werken niedergelegt ist. Man vergisst bei solcher Auslegung nur, dass Goethe im Faust einen menschlichen Entwicklungsgang darstellt, der ja auch durch zahllose Irrtümer und Tiefen führt. Wenn man sich daraufhin die künstlerische Komposition der obigen Szene genauer ansieht, wird man gewahr, wie die Szene ihre innere dramatische Spannung durch die Anwesenheit des Pudels bekommt, in dem Mephisto verborgen ist.

Wenn die obigen Ausführungen über den Logos auch nicht unmittelbar auf das menschliche Wort angewendet werden dürfen, so liegt doch ein bedeutungsvolles Geheimnis in der Tatsache, dass man glaubte, den Begriff über das Erzeugnis menschlicher Sprachfähigkeit zur Kennzeichnung des Göttlichen verwenden zu dürfen. Hier offenbart sich die instinktive Weisheit der frühgriechischen Philosophie, der ja der Logos-Begriff als Name für das göttliche Schöpferwesen entstammt. Denn im menschlichen Wort liegen die Keimkräfte zu einer Schöpferfähigkeit, die weit über das bloß Dichterische hinausgeht. Diese Größe und Heiligkeit des Wortes wird freilich heute kaum geahnt.

Natürlich musste der junge Rilke erst durch innere Wandlungen hindurchgehen, ehe er die volle Bedeutung seines Auftrags bewusst ergreifen konnte. Selbst die Versuchung, wie Faust das Wort zu unterschätzen, blieb ihm nicht erspart. In den "Dramaturgischen Blättern", einer Beilage zum "Magazin für Literatur", schrieb der 23-jährige Rilke in einer Antwort auf einen Beitrag über die Berechtigung des Monologs im Drama:

"Aber man wird einmal aufhören müssen, 'das Wort' zu überschätzen. Man wird einsehen lernen, dass es nur eine von den vielen Brücken ist, die das Eiland unserer Seele mit dem großen Kontinent des gemeinsamen Lebens verbinden, die breiteste vielleicht, aber keineswegs die feinste. Man wird fühlen, dass wir in Worten nie ganz aufrichtig sein können, weil sie viel zu grobe Zangen sind, welche an die zartesten Räder in dem großen Werk gar nicht rühren können, ohne sie nicht gleich zu erdrücken. Man wird es deshalb aufgeben, von Worten Aufschlüsse über die Seele zu erwarten, weil man es nicht liebt, bei seinem Knecht in die Schule zu gehen, um Gott zu erkennen ..." 2

Für den Freund menschlicher Schicksalszusammenhänge ist es nicht ohne Reiz, die Antwort des damaligen Herausgebers des "Magazin für Literatur", Rudolf Steiner, darauf zu les

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