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Einführung in die Erzähltheorie von Martinez, Matias (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 14.10.2016
  • Verlag: Verlag C.H.Beck
eBook (ePUB)
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Einführung in die Erzähltheorie

Der Band orientiert über den aktuellen Stand der internationalen Erzählforschung und stellt unter Verwendung von Beispielen aus verschiedenen Literaturen und Epochen ein umfassendes, praktisch anwendbares Modell zur Analyse von Erzähltexten vor. Dabei finden etliche Aspekte des literarischen Erzählens Berücksichtigung, die in anderen Einführungen vernachlässigt werden. Durch sein Glossar mit Kurzdefinitionen ist er auch zum gezielten Nachschlagen einzelner Begriffe geeignet. Für die 10. Auflage wurde der Band von den Autoren gründlich bearbeitet und aktualisiert. Matias Martinez und Michael Scheffel sind Professoren für Neuere Deutsche Literaturgeschichte und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Bergischen Universität Wuppertal.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 229
    Erscheinungsdatum: 14.10.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783406705243
    Verlag: Verlag C.H.Beck
    Größe: 2990 kBytes
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Einführung in die Erzähltheorie

II. Das 'Wie': Darstellung

Jede Geschichte lässt sich auf verschiedene Weise erzählen. Henry James hat behauptet, dass man es auf fünf Millionen Arten tun könne ( Letter , 1899), Raymond Queneau hat es in einem kleinen Büchlein ausprobiert und eine Geschichte in immerhin 99 Varianten präsentiert. In seinen Stilübungen ( Exercices de style , 1947) führt der Franzose die Gestaltungsmöglichkeiten einer Erzählung so anschaulich vor, dass wir einige seiner Beispiele als Einführung in die Analyse des 'Wie' von Erzähltexten nutzen wollen. Gegenstand von Queneaus Stilübungen ist ein alltägliches Geschehen: In einem gut gefüllten Pariser Autobus der Linie 'S' fährt ein junger Mann mit Hut; er beschimpft einen älteren Herrn und setzt sich anschließend auf einen frei gewordenen Platz; zwei Stunden später befindet er sich an der Gare Saint-Lazare, wo ihm ein Mann sagt, an seinem Überzieher fehle ein Knopf. Queneau präsentiert dieses Geschehen u.a. in Gestalt der folgenden Erzählungen:

(1) Vergangenheit

Es war Mittag. Die Fahrgäste stiegen in den Autobus. Wir standen gedrängt. Ein junger Herr trug auf seinem Kopfe einen mit einer Kordel und nicht mit einem Bande umschlungenen Hut. Er hatte einen langen Hals. Er beklagte sich bei seinem Nachbarn wegen der Stöße, die dieser ihm verabreichte. Sobald er einen freien Platz erblickte, stürzte er sich darauf und setzte sich.

Ich erblickte ihn später vor der Gare Saint-Lazare. Er trug einen Überzieher, und ein Kamerad, der sich dort befand, machte diese Bemerkung: man müßte noch einen Knopf hinzufügen. (S. 49)

(2) Rückwärts

Du solltest noch einen Knopf an deinen Überzieher nähen, sagte sein Freund zu ihm. Ich traf ihn mitten auf der Cour de Rome, nachdem ich ihn, sich gierig auf einen Sitzplatz stürzend, zurückgelassen hatte. Er hatte gerade gegen die Knüffe eines anderen Fahrgastes protestiert, der, sagte er, ihn jedes Mal anstieß, wenn jemand ausstieg. Dieser abgezehrte junge Mann war Träger eines lächerlichen Hutes. Dies geschah heute Mittag auf der Plattform eines vollbesetzten S. (S. 12)

(3) Vorhersage

Wenn Mittag kommen wird, wirst du dich auf der hinteren Plattform eines Autobusses befinden, auf der viele Fahrgäste zusammengepfercht sein werden, unter denen du einen lächerlichen Jüngling bemerken wirst: knochiger Hals und kein Band am weichen Filz. Er wird sich nicht wohlfühlen, der Kleine. Er wird denken, daß ein Herr ihn absichtlich anrempelt, sooft Leute vorbeikommen, die ein- oder aussteigen. Er wird es ihm sagen, aber der andere, voller Verachtung, wird nicht antworten. Und der lächerliche Jüngling, von Panik ergriffen, wird ihm vor der Nase davonlaufen, einem freien Platz zu.

Du wirst ihn etwas später an der Cour de Rome, vor der Gare Saint-Lazare, wiedersehen. Ein Freund wird ihn begleiten, und du wirst diese Worte hören: 'Dein Überzieher schlägt nicht gut übereinander, Du mußt noch einen Knopf daran anbringen lassen.' (S. 15)

(4) Amtlicher Brief

Ich habe die Ehre, Ihnen folgende Begebenheit mitzuteilen, deren ebenso unparteiischer wie entsetzter Zeuge ich sein durfte.

Um die Mittagszeit des heutigen Tages stand ich auf der Plattform eines Autobusses, der die Rue de Courcelles in Richtung Place Champeret hinauffuhr. Besagter Autobus war besetzt, ich wage sogar zu sagen, er war überbesetzt; der Schaffner hatte ohne triftigen Grund und befeuert von übertriebener Herzensgüte, die ihn sich über die Dienstvorschrift hinwegsetzen ließ und folglich an Nachsicht grenzte, den Wagen mit mehreren Antragstellern überfüllt. Das Kommen und Gehen der ein- und aussteigenden Fahrgäste an den einzelnen Haltestellen führte zu einem gewissen Gedränge, das einen der Fahrgäste dazu veranlaßte, nicht ohne Schüchternhe

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