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Was ist ein gutes Gedicht? Eine Einführung in 33 Schritten von Gelfert, Hans-Dieter (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 26.09.2016
  • Verlag: Verlag C.H.Beck
eBook (ePUB)
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Was ist ein gutes Gedicht?

Verse verhalten sich zur Prosa wie Singen zum Sprechen, wie Tanzen zum Gehen, wie Festtage zum Alltag. Nicht nur jedes Wort, jeder Laut hat in einem Gedicht seinen festen Platz in einer vom Dichter geplanten Ordnung. Alle Kunst, auch die Dichtkunst, entsteht durch Abweichung vom Gewöhnlichen. Der Literaturwissenschaftler Hans Dieter Gelfert ergründet in 33 Schritten, was die Qualität eines guten Gedichts ausmacht. Er fragt nach dem Grund für das Vergnügen an Versen und demonstriert an 80 Beispielen aus den verschiedenen Genres von Hymne bis Haiku die Kunstmittel der Dichter und deren Wirkung auf die Leser. Sprachliche Dichte, innere Spannung, Vieldeutigkeit, Ambivalenz, Authentizität und Originalität lauten die Stichwörter. Und am Schluss verrät der Autor, was im Kopf eines Menschen geschieht, wenn sich das Durchschauen der komplexen Ordnung eines Textes in ästhetisches Vergnügen verwandelt. Hans-Dieter Gelfert war bis zu seiner Emeritierung Professor für englische Literatur an der Freien Universität Berlin und ist seither freier Autor und Übersetzer.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 224
    Erscheinungsdatum: 26.09.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783406697302
    Verlag: Verlag C.H.Beck
    Größe: 2643 kBytes
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Was ist ein gutes Gedicht?

3. Das Wie und das Was

Kunst ist geformter Ausdruck von Bewusstseinsinhalten. Ohne das Wie der Form wäre das Ausgedrückte keine Kunst, ohne das Was des Inhalts gäbe es nichts Geformtes. Die Qualität der Form beurteilt man nach ihrem ästhetischen Wert, die des Inhalts nach seiner Bedeutung. Goethes kleines Gedicht "Über allen Gipfeln" gehört zu den formal vollendetsten Werken der deutschen Lyrik, denn darin lässt sich keine einzige Silbe zum Besseren verändern. Demgegenüber darf man sich bei Faust II durchaus fragen, ob diese Dichtung nicht durch Streichungen gewinnen würde. Dennoch ist sie unzweifelhaft bedeutender als das kleine Gedicht. Das Verhältnis von Form und Inhalt ist das zentrale Problem aller Künste, insbesondere aber der Literatur, denn deren Material sind Wörter, die einerseits aus sinnlich wirksamen Lauten bestehen und andererseits Bedeutung kommunizieren. Da eine getrennte Betrachtung von Form und Inhalt dazu verführt, sich die Form als ein Gefäß vorzustellen, in das ein Inhalt gefüllt wurde, werden in der Literaturwissenschaft die beiden Begriffe gern durch Gestalt und Gehalt ersetzt, weil damit eine festere Verbindung zwischen beiden ausgedrückt wird. Entscheidend ist, die Gestalt eines Kunstwerks als Teil seines Gehalts zu verstehen.

Für die Musik ist das selbstverständlich, denn deren Gehalt besteht ausschließlich aus der hörbaren Gestalt. Auch in der bildenden Kunst nehmen wir zuerst die sichtbare Gestalt wahr, und erst, wenn uns diese beeindruckt, denken wir über den Gehalt nach. Selbst in der Lyrik haben sich die Gedichte, die in Anthologien von Generation zu Generation weitergereicht werden, vor allem auf Grund ihrer formalen Vollendung gegen die vielen vergessenen durchgesetzt. Dennoch besteht hier in stärkerem Maß als in Musik und Malerei die Tendenz, dem Inhalt mehr Beachtung zu schenken. Unter den Lieblingsgedichten der Deutschen kam das folgende von Hermann Hesse auf den ersten Platz:

Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend

Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,

Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend

Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.

Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe

Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,

Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern

In andre, neue Bindungen zu geben.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,

Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,

An keinem wie an einer Heimat hängen,

Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,

Er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten.

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise

Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen;

Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,

Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde

Uns neuen Räumen jung entgegen senden,

Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden ...

Wohlan, denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Die hohe Wertschätzung für das Gedicht bezeugt nicht nur das Votum der Hörer des WDR, sondern auch die Tatsache, dass daraus der Satz "jedem Anfang wohnt ein Zauber inne" oft zitiert wird. Doch Literaturkritiker werden dem Urteil des Publikums kaum beipflichten. Das Gedicht ist nicht schlecht, aber auch kein Spitzenwerk, sondern gut gemachte Erbauungslyrik und genau deswegen so beliebt. Viele Leser erwarten von Gedichten das, was man Lebenshilfe nennt. Als gut empfinden sie solche, die auf prägnante Weise gute Gefühle ausdrücken und zu guten Taten anhalten. Doch man sollte bedenken, dass sich diese Erwartung leicht manipulieren lässt. In Kriegszeiten wurde mit populären Versen der Patriotismus beflügelt und in ideologischen Auseinandersetzungen wurden sie zur Propaganda eingesetzt. Auch den gutgemeinten religiösen Texte

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