text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Bunte Steine Ein Lapidarium des Wissens von Bühler, Benjamin (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 20.10.2014
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
17,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Bunte Steine

Wie unterhaltsam und aufschlussreich es sein kann, sich Menschenbildern sowie wissenschaftsgeschichtlichen Konstellationen über den Umweg von Wissensfiguren aus der Tier- und Pflanzenwelt zu nähern, haben Benjamin Bühler und Stefan Rieger in "Vom Übertier" und "Das Wuchern der Pflanzen" bewiesen. Sie zeichneten nach, wie unschuldige kleine Erbsen ins Kreuzfeuer von Darwinisten, Katholiken und stalinistischen Forschungspolitikern geraten konnten und wie es der virtuellen Mickey Mouse gelang, sich Mitte des 20. Jahrhunderts unter die Tiere aus Fleisch und Blut zu mischen. Mit dem "Machinarium" und dem "Lapidarium" vervollständigen sie nun ihre Wissensgeschichte der epistemischen Dinge. In üppig illustrierten Vignetten über Hamsterräder und Automobile, über Ohrsteine und Flüssigkristalle schlagen sie den Bogen von den Experimenten, die der Psychoanalytiker Josef Breuer zum Gleichgewichtsorgan durchführte, zu den Lagesensoren, die in moderne Smartphones verbaut sind; vom Hamsterrad gelangen sie zu den Tretmühlen, die zur Therapierung Tobsüchtiger ersonnen wurden, und zu den ruhelosen unternehmerischen Selbsten der Gegenwart.

Benjamin Bühler ist Mitarbeiter am Sonderforschungsbereich "Norm und Symbol" an der Universität Konstanz. Stefan Rieger ist Professor für Medienwissenschaftin Bochum.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 278
    Erscheinungsdatum: 20.10.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518794203
    Verlag: Suhrkamp
    Größe: 16855 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Bunte Steine

Bezoar

Ein rätselhaftes Ding zwischen Land und Meer, zwischen Stein und Baumharz ist der Bernstein. Die chemische Analyse spricht für die Zugehörigkeit zum Mineralreich. Auch wird aus ihm Öl bereitet, das dem Erdöl verwandt ist. Dagegen scheinen die in ihm gefundenen Blätter, Moose und Insekten für die Herkunft von Bäumen zu sprechen. Dies sind aber nur übriggebliebene Umrisse und gleichsam Schatten der eingeschlossenen Dinge: denn der Körper selbst ist längst verzehrt, und man findet ihn beim Öffnen niemals.

Leibniz 1949 [1749], 139

Nachdem Harry Potters bester Freund Ron Weasley einem Liebeszauber zum Opfer gefallen ist und dann auch noch vergifteten Wein getrunken hat, weiß er aufgrund des Unterrichtsfaches "Zaubertränke" Rat: Schnell holt er aus dem Koffer seines Lehrers das Gegenmittel: "the shrivelled kidney-like stone" (Rowling 2005, 373). Harry stopft den Bezoar in den Mund seines Freundes und rettet ihm damit das Leben. Daß Bezoare gegen Gifte wirken, ergibt sich bereits, wie der Eintrag in Zedlers Universallexikon weiß, aus der Etymologie, wobei der Artikel gleich mehrere Herleitungen vorschlägt. Bezoar könne von den hebräischen Wörtern "Bed", Arznei, und "Zahard", Gift, stammen oder aber von "Bel", König, und "Zoar", Gift; möglich sei auch die Herkunft aus dem Persischen, der Ausdruck "Pa-Zàhar" setze sich zusammen aus "Pa", contra, und "Zahar", Gift (Zedler 1733, 1662).

Bei Bezoaren handelt es sich nicht um echte Steine, sondern um aus unverdauten Haaren und Fellresten bestehende Bälle, die im Magen von Ziegen, Katzen oder auch Greifvögeln entstehen. Doch gerade weil Bezoare keine echten Steine sind, konstituieren sie Verhandlungen über die Ränder der Gesteinskunde. Der Bezoar ruft schließlich mindestens drei zentrale Fragen der Mineralogie auf, nämlich nach der Wirkkraft und der Ordnung der Steine sowie nach dem Objekt der Mineralogie.

Abb. 1: Bezoare nach Aldrovandi 1648.

Der Artikel in Zedlers Universallexikon differenziert die Bezoare nach Herkunft, Gestalt, Aufbau und Wirkungskraft in vier unterschiedliche Steine. Der aus Persien und Ostindien stammende orientalische Bezoar-Stein sei ein sehr zarter und mürber glänzender Stein, grünlich oder olivenfarbig, der von außen dicht sei, nach innen aber Schalen wie eine Zwiebel aufweise. Der zweite aus Peru und Westindien kommende okzidentalische Bezoar-Stein sei rauh und grau, seine Exemplare zeigten unterschiedliche Größe und Gestalt, aber auch er bestünde aus Schalen, wenn auch aus dickeren als der orientalische Bezoar. Eine weitere, besonders wertvolle Art des Bezoars sei der aus Ostindien kommende Sau- oder Schwein-Stein, der die Größe einer Haselnuß besitze und nur bei wenigen, vorzüglich kranken Stachelschweinen vorkomme, weshalb er so rar und kostbar sei. Die letzte angeführte Variante ist der Affen-Bezoar, der sogar ein eigenes Lemma erhält. Der Affen-Stein sei klein wie eine Nuß, rund oder oval und von schwärzlicher Farbe. Man finde ihn im Kopf oder im Magen von Pavianen. Im Vergleich zu den anderen Formen weise der Affen-Stein die größte Kraft auf, er treibe Schweiß, widerstehe der Pestilenz und anderen Seuchen, besonders aber Giften (Zedler 1732, 719).

Die Zuschreibung mannigfacher heilender Wirkkräfte an Steine reicht von der Antike bis in die Gegenwart ( Quarz ). Zahlreiche Belege hierfür finden sich in Plinius' Naturalis historiae . Der Magnetstein etwa sei ein Heilmittel gegen Tränenfluß und Verbrennungen (vgl. Plinius 2007, 91), der sogenannte sarkophagus zehre innerhalb von vierzig Tagen Leichen aus (laut Kommentar ist wahrscheinlich gebrannter, spaltbarer Kalkstein gemeint, den man Leichen in den Sarg beigab und der die Flüssigkeit aufsaugte; eb

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen