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Der Fall Paul Kammerer Das abenteuerliche Leben des umstrittensten Biologen seiner Zeit von Taschwer, Klaus (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 26.09.2016
  • Verlag: Carl Hanser Verlag München
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Der Fall Paul Kammerer

1926 erklimmt Paul Kammerer einen Hügel im Schneebergmassiv. Dann setzt er sich einen Revolver an die Schläfe und seinem Leben ein Ende. Kurz zuvor ist Kammerer, den man als größten Biologen seit Darwin feierte, die Fälschung von Experimenten vorgeworfen worden. Der Fall erregt weltweit Aufsehen und ist bis heute ungeklärt. Klaus Taschwer rollt das Leben des 'Krötenküssers' neu auf. Des Vaters der Epigenetik, der sich nicht nur in der Biologie, sondern auch als Komponist und Liebhaber von Alma Mahler einen Namen machte - und er liefert die erste heiße Spur im 'Cold Case Kammerer', die zu einer antisemitischen Verschwörung führt. Ein wahrer Krimi, der das kreative Milieu Wiens um 1900 zu neuem Leben erweckt. Klaus Taschwer, 1967 in Judenburg geboren, studierte Soziologie und Politikwissenschaft. Er war Gründer und Mitherausgeber des Wissenschaftsmagazins 'heureka', Koleiter eines Universitätslehrgangs für Wissenschaftskommunikation und arbeitet seit 2007 als Redakteur im Bereich Wissenschaft beim 'Standard' in Wien. 2003 erschien von ihm das Buch 'Konrad Lorenz - Eine Biographie' im Zsolnay Verlag (zusammen mit Benedikt Föger). 2016 erhielt er den Österreichischen Staatspreis für Wissenschaftspublizistik.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 352
    Erscheinungsdatum: 26.09.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783446449411
    Verlag: Carl Hanser Verlag München
    Größe: 7131 kBytes
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Der Fall Paul Kammerer

Kapitel 2

Turbulentes Nachleben

Wenn jemand - neben dem Täter selbst und dem möglichen Auftraggeber - wissen konnte, wer Kammerers Geburtshelferkröte manipuliert hat, dann war das Hans Leo Przibram. Der angesehene Biologe war fast 20 Jahre lang Paul Kammerers unmittelbarer Vorgesetzter an der Biologischen Versuchsanstalt, die Przibram 1902 mitbegründet hatte. Der langjährige Institutsdirektor galt als überaus integrer und seriöser Wissenschaftler und verfolgte die Karriere seines über viele Jahre engsten Mitarbeiters aus nächster Nähe. Zudem sind alle großen experimentellen Arbeiten Kammerers, die insgesamt allein mehr als 1000 Seiten umfassen, als Berichte der Biologischen Versuchsanstalt erschienen. Aus diesen Gründen hatte Przibram, der sechs Jahre älter war als Kammerer, durch den Fälschungsskandal einiges zu verlieren. Schließlich war die Tat, die gemeinsam mit dem Selbstmord weltweites Aufsehen erregte, an seinem Institut begangen worden. War Kammerer selbst der Fälscher gewesen, dann stand auch der Ruf seiner Versuchsanstalt auf dem Spiel. War es ein Mitarbeiter gewesen, sah dies auch nicht viel besser aus.

Przibram war auch einer der Adressaten der sechs bekannten Abschiedsbriefe Kammerers. 1 In diesem erst spät wieder aufgetauchten Schriftstück vermittelte der lebensmüde Forscher den Eindruck, dass er durch die 1926 erhaltene Professur in Moskau in eine Art Midlife-Crisis geschlittert sei: Er sei zu alt, alle Versuchsreihen noch einmal von neuem zu beginnen und zu wiederholen, bekannte Kammerer: "Ich könnte mich nicht damit abfinden und kein Glück mehr darin sehen zu wiederholen, was mir durch die Umstände zum Ekel wurde." Er deutete auch noch eine private Angelegenheit als Tatmotiv an:

"Der andere Grund ist der, dass mir gerade in diesen Tagen eine persönliche Unwahrhaftigkeit nachgewiesen wurde, in der ich nicht so unschuldig bin wie in der wissenschaftlichen. Ich habe es aber nie vermocht, den Forscher und den Menschen vollständig zu trennen. Wo der eine strauchelt, da tut es auch der andere." 2

Doch Kammerer, der mit Przibram bis zuletzt per Sie blieb und dessen Verhältnis zum Institutsleiter eher ein freundlich-distanziertes war, stellt in dem Brief klar, dass er keinesfalls der Täter gewesen sei:

"Im Begriffe, das verfehlte Leben wegzuwerfen, will ich Ihnen nochmals danken und erklären, dass ich meine Versuche, wie sie beschrieben wurden, auch wirklich gemacht habe. Im Einzelnen mag manches versehen worden sein, in Situationen, denen ich bei meiner durch das harte Leben verursachten Nervosität nicht gewachsen war. [...] Aber ein Fälscher bin ich nicht gewesen." 3

Als drei Wochen nach dem Selbstmord der Verdacht ausgesprochen wurde, dass Kammerer selbst mit Tusche seine Ergebnisse verbessert hätte, berief man an der Akademie der Wissenschaften in Wien eine Sitzung ein. Der Gelehrtengesellschaft war an einer dringenden Aufklärung des Falls gelegen, da die Biologische Versuchsanstalt seit 1914 unter ihrer Aufsicht stand. Zudem war der Akademie und der Universität in den russischen Zeitungsberichten eine gewisse Mitschuld an Kammerers tragischem Schicksal gegeben worden. Nach dieser Sitzung am 21. Oktober 1926 forderte Richard von Wettstein, der Vorstand des BVA-Kuratoriums, Przibram auf, zu den Geschehnissen Stellung zu nehmen, was postwendend geschah. 4

In seinem Schreiben legte der BVA-Leiter und Vorstand der zoologischen Abteilung seine Sicht der Vorfälle offen dar, musste aufgrund der unklaren Verdachtslage jedoch viele Fragen unbeantwortet lassen: Er könne schon deshalb keinen "bestimmten Verdacht wegen der Tatenschaft an einer Fälschung" aussprechen, weil weder der Zeitpunkt noch die Absicht, in der die Veränderung des Präparates geschehen sein mochte, sich hätten ermitteln lassen.

"Zu

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