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Medizinische Indikation Ärztliche, ethische und rechtliche Perspektiven. Grundlagen und Praxis

  • Erscheinungsdatum: 26.08.2015
  • Verlag: Kohlhammer Verlag
eBook (ePUB)
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Medizinische Indikation

Ärztliches Handeln beruht rechtlich und ethisch auf dem Zusammenspiel von medizinischer Indikation und Patientenwille. Anders als der Patientenwille hat die medizinische Indikation in der wissenschaftlichen wie in der praxisbezogenen Diskussion bisher jedoch wenig Aufmerksamkeit gefunden. Was verstehen Medizin und Recht unter 'medizinischer Indikation'? Wo ergeben sich Begrenzungen für Patientenwünsche? Was tragen Leitlinien zur medizinischen Indikation bei und welche Rolle spielen ökonomische Rahmenbedingungen? Im ersten Teil dieses Buches zu den Grundlagen analysieren namhafte Autorinnen und Autoren die medizinische Indikation aus Sicht der medizinischen Ethik, des Rechts, der Ökonomie sowie aus begriffstheoretisch-historischer Perspektive. Im zweiten Teil verdeutlichen Praxisbeiträge die Problemlagen in den verschiedenen Bereichen der Medizin. Dr. med. Andrea Dörries ist Direktorin des Zentrums für Gesundheitsethik (ZfG) an der Ev. Akademie Loccum, Hannover. Prof. Dr. jur. Volker Lipp ist Direktor des Zentrums für Medizinrecht der Georg-August-Universität Göttingen.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 282
    Erscheinungsdatum: 26.08.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783170260863
    Verlag: Kohlhammer Verlag
    Größe: 3139 kBytes
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Medizinische Indikation

2 Zur Geschichte des Begriffs der medizinischen Indikation

Klaus Gahl

2.1 Die Antike: Hippokrates und Galen

Der heute jedem Arzt vertraute Begriff der Indikation hat über Jahrhunderte hin einen Bedeutungswandel vom bloßen Anzeichen einer Krankheit bis zum therapeutischen Handlungsappell erfahren. Was seine Funktion betrifft, lässt er sich medizingeschichtlich bis in die antike Medizin, bis zu Hippokrates (um 460 bis um 377 v. Chr.) und Platon (427-347 v. Chr.), verfolgen. Er entspricht dort der nid ( endeixis ) als "Anzeichen" bzw. als Verbform "hinweisen". Im vor-hippokratischen und vor-sokratischen Schrifttum werden diese Begriffe nahezu ausschließlich juristisch gebraucht als "Strafanzeige" bzw. "anzeigen".

Im medizinischen Kontext findet sich das Wortfeld endeixis zunächst selten. Hier will es auf etwas hinweisen, beweisen, von sich aus aufzeigen. Im Corpus Hippokraticum (zwischen 450 und 250 v. Chr.) erscheint es nur einmal in den Hippokrates sicher zugeschriebenen Schriften als endeixios = angezeigt (Hippokrates 1957, S. 314). Hippokrates stützt die Entscheidung zum ärztlichen Handeln auf Krankheitserscheinungen ( sympt mata = Zufälle ) beim Patienten mit sichtbaren Veränderungen seiner Körpertemperatur, seiner Ausscheidungen, seines Schweißes, seiner Bewegungen u. a. Zudem achtet er auf seine allgemeine Konstitution und auf die Umgebung des Kranken, auf klimatische Veränderungen, auf Luft und Wasser etc. Diese Zeichen sind mitbestimmend für seine Handlungsempfehlung.

Es ist Galen (129-199 n. Chr.), der die Krankheitszeichen verfolgt und - gestützt auf eine erstaunliche Kenntnis der Anatomie und Physiologie und auf eigene und tradierte Erfahrung und Analogieschluss - daraus die Behandlung ableitet. Die Konstitution des Kranken, ja die Krankheit selbst weist mittels der Zeichen auf die erforderliche Therapie hin. Diese gilt weniger der Diagnose als vielmehr der Prognose. Das Anzeichen (endeiktikon) deutet auf den Kern einer Sache, die Ur-Sache einer Krankheit, es berechtigt oder drängt den Arzt, etwas gegen die Krankheit zu tun. Es ist endeixis symptomatikê, therapeutikê und prophylaktikê. Damit gewinnt der Begriff schon hier einen zum Handeln verpflichtenden, deontologischen Charakter. Galen baut seine Indikationslehre auf dem empirischen "Dreifuß von Erfahrung, Tradition und Spekulation" (Rothschuh 1978, S. 163) auf - über Jahrhunderte hin gültig und bis in unsere Zeit wegweisend.

Aus seiner Methodos medendi lassen sich vier Bedeutungen der endeixis herausarbeiten: das unspezifische Abweichen eines körperlichen Zustandes von dem Naturhaft-Normalen; das auf eine bestimmte Krankheit hinweisende Zeichen; die Aufforderung, die Normabweichung als solche zu beheben, und die zielgerichtete Maßnahme des therapeutischen Handelns mittels Medikament, Diät oder Operation. Im Blick auf Behandlung weisen drei primäre Indikatoren auf das hin, was getan werden muss, z. B. das Fieber selbst (als symptomatische Indikation), seine Ursache (als kausale Indikation) und die körpereigenen Kräfte (als konstitutionelle Indikation). Zusätzlich bestimmen Kondition, Alter, Geschlecht, Verhaltensweisen und Lebensgewohnheiten des Kranken, Umweltbedingungen, Klima und Jahreszeiten die Indikationsstellung.

Besonders Galens Hauptwerk zur Therapie, die "Methodos medendi", mit dem so vielfältigen Gebrauch der endeixis wird maßgebliche Autorität für die Medizin bis ins 18. Jahrhundert, sie prägt sie als empirische (Erfahrungs-) und pragmatische (Handlungs-)Wissenschaft.
2.2 Von der Antike in die Neuzeit

Ein Brückenpfeiler von der Tradition der spätantiken Medizin zum Mittelalter i

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