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Trübsinn und Raserei Die Anfänge der Psychiatrie in Deutschland von Geyer, Dietrich (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 17.10.2014
  • Verlag: Verlag C.H.Beck
eBook (ePUB)
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Trübsinn und Raserei

Am Anfang der neuzeitlichen Psychiatrie in Deutschland stand die Idee der Aufklärung, dass der Mensch mit Vernunft begabt und zur Freiheit geboren sei. Mithin konnten auch Wahn- und Irrsinnige nicht länger von Dämonen und teuflischen Geistern besessen sein. Sie waren erbarmungswürdige Wesen - Kranke, denen mit Humanität und ärztlicher Kunst geholfen werden müsse. Zwei miteinander verflochtene Entwicklungslinien treten dabei hervor: Die eine führt von der Erfahrungsseelenkunde Berliner Kantschüler über die psychische Heilkunde der romantischen Medizin zur naturwissenschaftlich fundierten Psychiatrie, inspiriert vom Fortschrittsglauben des bürgerlichen Zeitalters. Die andere führt von den Narrenkästen der mittelalterlichen Städte über die Zucht- und Tollhäuser des aufgeklärten Absolutismus zu den Heil- und Pflegeanstalten des 19. Jahrhunderts.

Der Historiker Dietrich Geyer, geb. 1928, war bis zu seiner Emeritierung Ordinarius und Direktor des Instituts für Osteuropäische Geschichte an der Universität Tübingen. Zahlreiche Veröffentlichungen zur osteuropäischen Geschichte. Er ist ordentliches Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 352
    Erscheinungsdatum: 17.10.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783406667916
    Verlag: Verlag C.H.Beck
    Größe: 3099kBytes
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Trübsinn und Raserei

1. Aufklärung und Menschenliebe

Psychiatrie als Kopfgeburt der neuen Zeit. Am Anfang sei gefragt, wann und wie es dazu kam, dass sich unter dem Kunstwort Psychiatrie ein eigenes, inzwischen unendlich aufgefächertes Ressort medizinischer Wissenschaft entwickeln konnte. Die meisten Medizinhistoriker stimmen darin überein, dass dies in der Zeit um 1800 geschehen sei: zwischen dem ausgehenden 18. und dem beginnenden 19. Jahrhundert, in der Ära der Französischen Revolution, der Napoleonischen Kriege und der folgenden Restaurationszeit, oder kultur- und geistesgeschichtlich ausgedrückt: Psychiatrie im neuzeitlichen Sinn entstand unter dem Einfluss von Aufklärung, Romantik und deutschem Biedermeier. Fernwirkungen aus der Neuen Welt , den Vereinigten Staaten von Nordamerika, kamen hinzu.

Dieser Blick auf Raum und Zeit besagt zugleich, dass die Etablierung des neuen Forschungsfeldes ein Vorgang von langer Dauer war - und natürlich blieb er auf die Vaterländer nicht beschränkt, die es im deutschen Sprachraum damals gab.[ 1 ] Gleichwohl kam das Wort Psychiaterie [!] zum ersten Mal in Deutschland auf: 1808 in Halle an der Saale, das soeben dem napoleonischen Königreich Westphalen zugeschlagen worden war. Dort hatte der preußische Universitätsprofessor Johann Christian Reil (1759-1813) die neue Vokabel in einer langen Abhandlung vorgeführt - als semantische Variante des älteren Ausdrucks Psychologie im Sinn von Seelenkunde . Doch an die dreißig Jahre vergingen, bis der aus dem Griechischen kommende Begriff zur Bezeichnung eines gesonderten Zweigs der Theoretischen und Praktischen Medizin auch international geläufig wurde.

Ohne den neuen Begriff zu kennen, waren Frankreich und Großbritannien der übrigen Welt in der Sache selbst vorausgegangen. Als Beginn moderner Psychiatriegeschichte gilt zumeist die vielzitierte Befreiung der Irren von ihren Ketten , ein symbolischer Akt, der von Philippe Pinel (1745-1826), dem Chef des großen Pariser Männer-Hospitals Bicêtre, vollzogen worden war - noch ehe die jakobinische Terrorherrschaft ihr Ende gefunden hatte.[ 2 ] Obwohl Pinels humanitäre Tat schon bald zu einem wieder und wieder erzählten Mythos gedieh, kann der französische Vorsprung nicht in Frage stehen. Nirgendwo sonst gab es im Umgang mit psychisch Kranken so reiche klinische Erfahrungen wie in der Metropole der Großen Revolution, nirgendwo sonst so exakte analytische Verfahren wie ebendort. Nicht weniger wichtig für die Entfaltung der Psychiatrie im deutschen Sprachraum war die beispielgebende Rolle englischer und schottischer Ärzte in Hospitälern und Asylen des Vereinigten Königreichs. Deren spezifische Therapie - das sogenannte moral management - hatte mit Erziehung viel zu tun und stieß auch diesseits des Kanals auf reges Interesse.[ 3 ]

Anders lagen die Dinge in der zerklüfteten deutschen Staatenwelt. Hier war, was seinerzeit Erfahrungsseelenkunde oder psychische Heilkunde hieß, verglichen mit dem westlichen Entwicklungsstand unleugbar zurückgeblieben. Doch der Abstand kann nicht übermäßig groß gewesen sein, auch wenn sich manches auf bloße Imitation beschränkte. Vieles von dem, was in London oder in Paris zu sehen war, ließ sich auf die kleinräumigen deutschen Verhältnisse ohnehin nicht übertragen. Doch die Lern- und Aufnahmefähigkeit deutscher Ärzte war groß und ihre Reiselust erstaunlich. Wer als Psychiater ernst genommen werden wollte, der musste sich zumindest in Frankreich und Großbritannien, womöglich auch in Italien, umgesehen haben. Auch ein Großteil der Maschinen und Geräte, mit deren Hilfe sich rasende oder tobende Irre zähmen ließen, war auf den Britischen Inseln erfunden worden.

Was auf Reisen durch Augenschein dem eigenen Gedächtnis nicht einzuverleiben war, das war zu Hause nachzulernen: kaum ein ausländisches Fachbuch von einige

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