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Neurobiologie forensisch-relevanter Störungen Grundlagen, Störungsbilder, Perspektiven

  • Erscheinungsdatum: 12.11.2009
  • Verlag: Kohlhammer Verlag
eBook (PDF)
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Neurobiologie forensisch-relevanter Störungen

Dieses Buch beleuchtet Wissensstand, Forschungsansätze, Ergebnisse sowie Perspektiven neurobiologischer Forschung zu forensisch-relevanten Störungen. Dabei wird sowohl auf allgemeine Rahmenbedingungen neurobiologischer Forschung bei forensisch-relevanten Fragestellungen, klinisch-relevante Störungsbilder mit besonderem forensischem Bezug & zu denen bspw. aggressives Verhalten, Persönlichkeitsstörungen, Sucht und Schizophrenie zählen & als auch auf Überlegungen zur künftigen Relevanz neurobiologischer Untersuchungen bei forensisch-psychiatrischen Fragestellungen eingegangen. Prof. Dr. med. Jürgen Müller, Chefarzt der Asklepios Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie Göttingen, ist Inhaber der Schwerpunktprofessur Forensische Psychiatrie an der Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin Göttingen.

Produktinformationen

    Format: PDF
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 484
    Erscheinungsdatum: 12.11.2009
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783170265868
    Verlag: Kohlhammer Verlag
    Größe: 8071 kBytes
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Neurobiologie forensisch-relevanter Störungen

Teil II - Grundlagen

6 Hirnpathologische Veränderungen bei Gewaltdelinquenz - sechs Kasuistiken und Literaturüberblick

Kolja Schiltz, Joachim G. Witzel, Josef Bausch-Hölterhoff und Bernhard Bogerts
Einleitung

In den Paragrafen 20 und 21 des Strafgesetzbuches wird festgelegt, dass Unfähigkeit oder verminderte Fähigkeit, das Unrecht einer Tat einzusehen oder nach einer solchen Einsicht zu handeln, zu einer Aufhebung bzw. Minderung der Schuld des Täters führt. Das Strafgericht entscheidet, ob jeweils durch einen psychiatrischen Gutachter geklärt werden soll, ob psychiatrische Erkrankungen zum Tatzeitpunkt vorlagen, die eine Einschränkung der Schuldfähigkeit begründen könnten. Die Beauftragung eines Gutachters ist jedoch keinesfalls in jedem Prozess der Fall, insbesondere nicht, wenn sich im Prozessverlauf und in der Vorgeschichte keine Anzeichen zeigen, die auch für medizinische Laien erkennbar auf eine psychiatrische Erkrankung hinweisen. So kommt es in einem wohl nicht unerheblichen Anteil der Fälle nicht zu einer psychiatrischen Begutachtung, die eine vorliegende nicht von vornherein erkennbare Hirnerkrankungen aufdecken würde, die für die Frage der Schuldfähigkeit von Relevanz wäre. Ein Großteil der Straftäter, die als vermindert schuldfähig eingestuft werden, wird aufgrund anamnestischer Daten und psychopathologischer Befunderhebung während der psychiatrischen Explorationen als psychisch krank eingestuft. Die Anwendung hirnstrukturbildgebender Verfahren ist eher selten. Die hier aufgeführten Fälle (Abb. 6.1-6.6) sowie die daran anknüpfende Statistik (Abb. 6.7) belegen, dass hirnstrukturelle Schädigungen bei Straftätern (und somit für die Frage der Schuld relevante krankhafte seelische Störungen nach
20 StGB) oft unerkannt bleiben, da sie im Rahmen der strafrechtlichen Ermittlungen und der Gerichtsverhandlung bei der Bewertung des Routineverhaltens des Angeklagten durch den Laien nicht auffallen.
1 Neurobiologische Determination des "Willens"

Ursprünglich liegt dem Konzept der Bestrafung eines Täters für eine von ihm begangene Straftat die Annahme zugrunde, dass er diese Tat aufgrund einer freien Entscheidung begangen hat. Dieser Entscheidung liegt demzufolge ein "Wille" zugrunde, den sich der Betreffende frei bilden konnte, ohne durch von ihm nicht zu verantwortende krankhafte Ereignisse in eine bestimmte Richtung beeinflusst worden zu sein. Diesem Konzept entsprechen die Regelungen des Strafgesetzbuches.

Nach aktuellen neurowissenschaftlichen Erkenntnissen kann hiervon jedoch nicht uneingeschränkt ausgegangen werden. Vielmehr wurde festgestellt, dass das Konzept des seit dem Altertum postulierten "freien Willen" vor dem Hintergrund neuer Forschungsergebnisse erneut hinterfragt werden muss. So wurde festgestellt, dass man durch die Messung von Gehirnaktivität vorhersagen kann, welche Handlungen von Probanden durchgeführt werden (Haynes et al. 2007), es kann also in gewisser Weise aus biologischen Markern die Willensbildung (als Resultat primärer neuronaler Prozesse) eines Menschen abgelesen werden. Bereits seit mehreren Jahrzehnten ist bekannt, dass Willensbildungsprozesse mittels ihrer elektroenzephalografischen Kennzeichnung abgebildet werden können, bevor sie den Probanden bewusst werden (Libet 2006, Libet et al. 1983). Deshalb wurde von einigen Autoren in der letzten Zeit argumentiert, dass aus der Perspektive einer deterministischen Sichtweise Verhaltensweisen, und damit auch delinquente und aggressive Verhaltensweisen, eine direkte und nicht im Grundsatz veränderliche Folge neuronaler Konstellationen sind (Karli 2006, Tancredi 2007). Bemerkenswert ist der Befund, dass biologisch festgelegte Faktoren die Reaktion eines Menschen auf seine Umwelt maßgeblich determinieren und damit bestimmte Verhaltensweisen einer bestimmten Person wahrscheinlicher machen (Tancredi 2007).

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