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Der Tag, an dem mein Hirn stillstand Wie ich mit 33 meinen Schlaganfall erlebte und zurück ins Leben fand von Hyung-Oak Lee, Christine (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 29.05.2018
  • Verlag: Kösel
eBook (ePUB)
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Der Tag, an dem mein Hirn stillstand

Was nur wenigen möglich ist: Christine Hyung-Oak Lee beschreibt anschaulich, wie sich ein Schlaganfall wirklich anfühlt. Während ein Blutgerinnsel ihren Thalamus verstopft, versucht sie in einem Blog auszudrücken, wie seltsam sie sich fühlt. Erst Tage später erhält sie in der Notaufnahme die für ihr junges Alter von 33 Jahren erstaunliche Diagnose. Monatelang verliert sie ihr Kurzzeitgedächtnis und damit ihre eigene Identität. Ihre Aufzeichnungen werden zu ihrem Ersatzgedächtnis, aus diesen rekonstruiert sie dieses inspirierende Zeugnis. Offen gibt sie wieder, was mit ihr geschah, wie sich der Schlaganfall auswirkte und wie sie sich zurück in ein neues Leben kämpfte.

Die preisgekrönte Kurzgeschichten und Essays von Christine Hyung-Oak Lee erschienen unter anderem in und auf "ZYZZYVA", "Guernica", "The Rumpus", "The New York Times" und "BuzzFeed". Nachdem sie mit 33 Jahren einen Schlaganfall erlitt, ist sie mittlerweile Mutter einer Tochter geworden und lebt mit ihrer Familie in Berkeley, Kalifornien.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 272
    Erscheinungsdatum: 29.05.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641218898
    Verlag: Kösel
    Originaltitel: Tell me everything you don t remember
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Der Tag, an dem mein Hirn stillstand

1. KAPITEL

Dreiunddreißig Jahre lang lebte ich mit einem Loch im Herzen, ohne auch nur das Geringste davon zu ahnen.

Da war einerseits das tatsächliche Loch, ein nie diagnostizierter Geburtsfehler, mit dem ich all die Jahre gelebt hatte.

Und dann war da noch das Loch, das ich anfangs mit den Bedürfnissen anderer zu stopfen versuchte und am Ende mit Verbitterung füllte.

Diese Verbitterung trat in Form von Wut zutage, als ein krampfhaftes Bedürfnis nach Kontrolle, als ein manisches Streben nach Perfektion, als eine Ordnungsliebe, die an Besessenheit grenzte und die mich dazu brachte, jeden Türknauf penibel zu desinfizieren und beim Tippen Latexhandschuhe zu tragen, als ein Zwang, der sich darin äußerte, dass ich ständig an der Nagelhaut meiner Finger und Zehen herumzupfte und dass ich leere Milchflaschen sammelte und sie in sämtlichen Schränken meiner Küche versteckte und sogar unter dem Waschbecken im Bad, bis mein Mann sie Monate später fand. Und während er sie entsorgte, weinte ich bittere Tränen um die Flaschen, auch wenn meine Trauer nichts mit ihrem Verlust zu tun hatte, sondern mit einem unerfüllten Bedürfnis, das ich nicht näher benennen konnte.

Da war ein Loch in meinem Herzen, das mir das Atmen erschwerte.

Da war ein Loch in meinem Herzen, das es mir nicht erlaubte, mich ganz zu fühlen.

Und dann kam der Schlaganfall.

Der Himmel an jenem 31. Dezember 2006 war strahlend blau, der Boden ganz leicht mit Schnee bedeckt, und ich stand mit meinem Mann auf dem Parkplatz eines Baumarkts. Ich war dreiunddreißig Jahre alt. Wie jedes Jahr zu Neujahr verbrachten wir die freien Tage in Tahoe und gönnten uns ein spätes Frühstück, bestehend aus Eiern und Toast in Ernie's Coffee Shop, spielten Brettspiele und tranken am Abend heiße Schokolade.

Alles schien zu sein wie immer, doch ohne dass ich es ahnte, stand mein Leben auf Messers Schneide; mein Körper, mein Geisteszustand und meine Beziehungen zu anderen würden sich von diesem Tag, von diesem Jahreswechsel an von Grund auf ändern, als wäre es ein anderes Leben.

Ich war mit Kopfschmerzen aufgewacht. Hatte über starke Schmerzen geklagt. Ich hatte mich im Bett verkrochen und die Augen fest zugekniffen, um mich zurück in den heilsamen Schlaf zu zwingen. Beim Gedanken an Essen wurde mir übel. Gerade eben hatte sich ein Blutgerinnsel gelöst und näherte sich meinem Herzen. Wäre das Loch darin nicht gewesen, wäre das Blut mit dem Klumpen darin in meine Lunge geflossen. Dort hätte es sich mit Sauerstoff angereichert; das Gerinnsel wäre herausgefiltert worden, nichts wäre geschehen. Doch weil da ein Loch in meinem Herzen war, umschiffte das Gerinnsel meine Lunge und wanderte ungehindert weiter in Richtung Gehirn, trieb vorwärts, bis es nicht mehr weiter ging. Dort blieb es stecken. Es störte die Sauerstoffversorgung meines Gehirns. Und tötete einen Teil davon ab.

Wir nahmen an, es handele sich wieder einmal um einen meiner üblichen Migräneanfälle. Vielleicht sollte ich mir den Fingernagel in die Handfläche bohren, dachte ich - das würde mich womöglich ablenken von den anhaltenden, stechenden Schmerzen im Kopf. Vielleicht brauchte ich bloß ein bisschen frische Luft. Vielleicht sollten Adam und ich einfach einkaufen gehen und mit geöffneten Fenstern durch die Gegend fahren, sodass uns der frostige, nach Kiefernnadeln duftende Fahrtwind ins Gesicht peitschte. Der Gedanke an die eisig kalte Luft lockte mich aus dem Bett. Am liebsten hätte ich den Kopf in einer Schneewehe vergraben, meinen Kopf in Eis gebettet.

Während dieser Fahrt durchlebte ich eine ganze Kaskade an Gefühlen und verlor dabei den Bezug zu jeglicher Bedeutung. Ich hörte verschiedene Dinge, konnte die Geräusche aber nicht verarbeiten und sie mit Sinn belegen. Zwischen Geräusch und seiner Bedeutung, zwischen Gesehenem und seiner Bedeutung, zwischen Berührung und seiner Bedeutung brach die Verbindung ab. Zahlen verwandelten sich in

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