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analog und digital schriften zur philosophie des machens von Aicher, Otl (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 06.03.2015
  • Verlag: Ernst & Sohn
eBook (ePUB)
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analog und digital

Otl Aicher ist einer der herausragenden Vertreter des Modernen Designs. Was er seit den fünfziger Jahren, seit seiner Zeit in der von ihm mitbegründeten, inzwischen legendären Ulmer Hochschule für Gestaltung, etwa auf dem Gebiet des Corporate Design geschaffen hat - erinnert sei hier nur an die Erscheinungsbilder für die Firma Braun, die Lufthansa, das Zweite Deutsche Fernsehen und die Firma ERCO -, gehört zu den ganz großen Leistungen der visuellen Kultur unserer Zeit. Ein wesentlicher Aspekt der Arbeiten von Aicher ist deren Verankerung in einer von Denkern wie Ockham, Kant oder Wittgenstein inspirierten 'Philosopie des Machens', die die Voraussetzungen und Ziele sowie die Gegenstände und Ansprüche von Gestaltung zum Thema hat. Aichers Schriften zu Fragen des Designs (wobei hier alle Bereiche der visuellen Gestaltung bis hin zur Architektur gemeint sind), liegen hier erstmals in geschlossener Form vor.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: AdobeDRM
    Seitenzahl: 673
    Erscheinungsdatum: 06.03.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783433605912
    Verlag: Ernst & Sohn
    Größe: 384 kBytes
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analog und digital

Einführung

von Wilhelm Vossenkuhl
Authentizität und eine fragwürdige Analogie

"Wie kommt es", fragt Edward Young, "dass wir als Originale geboren werden und als Kopien sterben?" Der englische Poet aus dem 18. Jahrhundert ist darüber besorgt, dass wir als Individuen in der Gesellschaft unsere Unverwechselbarkeit verlieren. Wir passen uns den anderen Menschen, dem Geschmack der Zeit, aber auch dem Recht und der politischen Ordnung an. Am Ende wissen wir nicht, wer wir sind und was uns von allen anderen unterscheidet.

Diese Sorge um unsere Authentizität hat bis heute nicht nachgelassen. Authentizität ist eines der großen Themen der Moderne. Youngs Zeitgenosse Rousseau glaubt, wir könnten nur sinnvoll in der "Einheit des Lebens mit sich selbst", in der Einheit mit der Natur existieren. Er schlägt zur Rettung der Authentizität ein neues bürgerliches Recht vor, das eine Lebensgemeinschaft an Stelle abstrakter Rechtsverhältnisse schaffen soll.

Wir können heute nicht recht nachvollziehen, wie wir in einer bürgerlichen Lebensgemeinschaft dem Ideal der Einheit mit der Natur gerecht werden sollen. Dennoch wirkt dieses Ideal noch immer faszinierend. Wir haben nicht aufgehört, nach ihm zu streben. Es hat in unserer ökologischen Epoche aber einen anderen Sinn als bei Rousseau.

Wir wollen heute auf dem kürzesten Weg zur Einheit mit uns selbst gelangen und unser authentisches Selbst nicht mehr auf dem Umweg über die Gesellschaft suchen. Wir streben nach dem direkten, konkreten Verhältnis zu unserer eigenen Natur und unserer natürlichen Umwelt. Die Gesellschaft und ihre Ordnung scheinen vom richtigen Verhältnis des Individuums zur Natur abhängig zu sein, nicht umgekehrt. Mit dem Bewusstsein von den ökologischen Gefahren tritt die natürliche vor die soziale Umwelt. Der lange zumindest politisch und rechtlich beachtete Vorrang der Gesellschaft vor den egoistischen Interessen des Individuums wird seit einiger Zeit in Frage gestellt. Zumindest in westlichen Gesellschaften herrscht seit einiger Zeit ein neuer Individualismus mit vielen Licht- und Schattenseiten.

Rousseaus Vorschlag erschien Lionel Trilling vor einem halben Jahrhundert reichlich abstrakt. Trilling meinte, unser Gefühl für Authentizität sei rauher, konkreter, extremer geworden ( Das Ende der Aufrichtigkeit , Frankfurt a. M. 1983, S. 92). Als Trilling diese These in seinen Vorlesungen an der Harvard University vortrug, war sie gut nachvollziehbar. Seine damalige Skepsis Rousseau gegenüber ist heute wiederum schwer verständlich. Das Glück, das Rousseau als philosophisches Leben in seinen "Rêveries" beschrieb, ist dagegen wieder zugänglich (Heinrich Meier, Über das Glück des philosophischen Lebens. Reflexionen zu Rousseaus Rêveries , München 2011).

Das Bemühen um Einheit mit der Natur und nach einem authentischen, gleichzeitig glücklichen Selbst ist angesichts der ökologischen Gefahren unter Zeitdruck geraten. Kein Wunder, dass wir unter diesem Zeitdruck immer ungeduldiger werden. Mit der Ungeduld wächst auch die Unduldsamkeit gegenüber den - tatsächlichen oder vermeintlichen - Verursachern dieser Gefahren. Diese Ungeduld ist jedoch selbst ein Symptom und nicht nur eine Folge der Krise des Verständnisses von uns selbst und unserer Einheit mit der Natur.

Die Krise ist nicht nur älter als die ökologische. Sie war denen, die - wie Rousseau - in der Aufklärung nach unserer Authentizität gefragt haben, bereits bewusst. Der Versuch, diese Krise zu lösen, führt aber in eine falsche Richtung. Im späten 18. Jahrhundert setzt sich nämlich - nach langer Vorbereitung durch Anatomie und frühe biologische Forschung - der Gedanke durch, dass das Organische das Natürliche sei.

Wie irreführend dieser Gedanke im Hinblick auf unser Selbstverständnis und unser Verhältnis zur Natur ist, lässt sich zunächst nicht erkennen. Vielleicht hat er deswegen bis heute kaum etwas von seinem Einfluss einge

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