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Martin Heideggers "Schwarze Hefte" Eine philosophisch-politische Debatte

  • Erscheinungsdatum: 11.09.2016
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
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Martin Heideggers "Schwarze Hefte"

Mit der Veröffentlichung von Martin Heideggers "Schwarzen Heften" hat sich die Debatte zur Verstrickung von Philosophie und Nationalsozialismus erneuert und verschärft. Offen antisemitische Äußerungen in diesen Denktagebüchern haben in der nichtakademischen Öffentlichkeit für Empörung gesorgt. Die entscheidende Frage ist jedoch, welche Veränderungen der Perspektive auf Heideggers Denken insgesamt sich dadurch ergeben und ob damit zugleich eine Neubewertung des Gesamtwerks eines der einflussreichsten Philosophen des 20. Jahrhunderts nötig ist. Die Beiträge in diesem Band erkunden Heideggers philosophische und politische Aussagen sowie seine Selbstinszenierung und seine Verwendung von Ideologemen seiner Zeit. Marion Heinz ist Professorin für Philosophie an der Universität Siegen. Sidonie Kellerer ist Wissenschaftliche Assistentin an der Universität Siegen.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 445
    Erscheinungsdatum: 11.09.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518744543
    Verlag: Suhrkamp
    Größe: 1585 kBytes
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Martin Heideggers "Schwarze Hefte"

43 Rainer Marten
Martin Heidegger - Zur Einheit seines Denkens

97 Bände beredtes Schweigen, Reden über Schweigen inbegriffen [1] - ja, da hat einer das Reden nötig, der weiß, dass das, was er zu sagen hat, zu groß ist, als dass er es sagen könnte und dürfte. [2] Schuld daran ist das Sein selbst, später auch als das Sein selber angesprochen, womit es deutlicher das ist, was es schon immer sein sollte: ein agens . [3] In Sein und Zeit taucht es auf Seite 12 als dasjenige auf, worum es dem zum Seinswesen umgedachten Menschen, Dasein genannt, geht.

In der Vorbereitungszeit von Sein und Zeit ab 1921 hat Heidegger nicht Mein Kampf gelesen, das Buch war noch nicht erschienen, sehr wohl aber in deutscher Übersetzung, wie mich Reinhard May und sein Übersetzer, der Harvard-Professor Graham Parkes, überzeugen, Das wahre Buch vom südlichen Blütenland von Zhuang Zi (3. Jahrhundert v. Chr.). [4] Auch der Wegbereiter des Daoismus hatte Schwierigkeiten mit dem Sein selbst. Er versuchte es mit Bildern, Heidegger mit sprachlichen Neuerungen. Zudem begabt er das Eine und Einzige, [5] das das Sein selbst ist, mit dem dramatischen Zug des Geschickhaften, von dem Zhuang Zi nichts wusste. Heideggers Sein selbst, erdacht als Gegenentwurf des Menschen, der wir sind, wird sich als Phantasmagorie erweisen.
44 I.

Gegen das Denken zu denken [6] - das war seine Devise von Anfang bis zum Ende. Sie machte ihn immun gegen Kritik. Gilt es in jedem Falle gegenzudenken, dann ist das eigene Denken sich selbst das Maß. Knapp dreißig Jahre alt, am Beginn einer akademischen Karriere, erklärt Heidegger, dass es nicht um Erkennen und Wissen gehe, sondern um Staunen und Fragen. [7] Wunder gibt es viele. Der staunend Gegendenkende kennt ein einziges: das Wunder des Seins. Anders als für Platon, Aristoteles und noch Husserl ist für ihn Staunen keine Störung der Vernunft, die es zu beseitigen gilt. Staunend denkt er das Eine und Selbe, und genau dabei bleibt er. Seine einzige Frage, die Seinsfrage, will vom Sein nichts wissen, sondern auf es hören.

Der radikal Andersdenkende ist prädestiniert, ein Großer zu sein. Staunen und Hören schließen einen Rückfall in die Tradition methodisch aus. Ein Anknüpfen an sie freilich braucht er, entfiele doch sonst das Gegen. Die angezielte ursprünglichere und denkendere Wiederholung der Seinsfrage hat von vornherein das "Gespräch" des Großen mit den Großen der Tradition im Sinn - den Königsweg eigener Legitimierung.
II.

Der einzige Gedanke seines Denkweges, [8] der Gedanke von Sein und Zeit , führt Heidegger dazu, die auserwählte Tradition radikal neu zu deuten: durch Verwesentlichung. Ab sofort bestimmt staunend-hörendes Seinsdenken, was die erwählten Zeugen gedacht und gesagt haben. Das Ergebnis der Enthistorisierung könnte gelungener nicht sein: Anfängliches und wiederholendes Denken 45 rücken geschickhaft zusammen. Die Denkgeschichte gerät zum Drama. Gegen das anfängliche Denken, das so anfänglich gar nicht war, da es den Zugang zu den "ursprünglichen 'Quellen'" verlegte, [9] setzt Heidegger die ungleich denkendere These, dass das "'Wesen' des Daseins" in seiner Existenz liegt. [10] Das ist wahrhaftig ein Gegengedanke: Der Mensch sei, seinem Wesen nach, nicht Lebewesen, sondern Seinswesen, sei sein Daß, nicht aber das, was er ist. Er wäre umstürzend, gehörte er nicht zu dem, was sich nach Aristoteles zwar sagen, nicht aber klaren Geistes denken und akzeptieren lässt. [11] Kurz: Es ist ein unmöglicher Gedanke. Das möchte ich einsichtig machen.

Im Da des Daseins das Daß und kein Was zu sehen will nicht als Abstraktion verstanden sein. Ist Dasein geschlechtlich das große Neutrum, dann soll das für eine ungleich wesenhaftere Konkretion stehen. [12] Die Verwesentlichung des Mens

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