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Kann Kapitalismus moralisch sein? von Comte-Sponville, André (eBook)

  • Verlag: Diogenes
eBook (ePUB)
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Kann Kapitalismus moralisch sein?

Aus dem Kalten Krieg ist 1989 der Kapitalismus als Sieger hervorgegangen. Doch wozu war dieser Sieg gut? Und was ist seither aus dem Sieger geworden? André Comte-Sponville wurde 1952 in Paris geboren. Der ehemalige Professor für Philosophie an der Sorbonne widmet sich seit 1998 ausschließlich dem Schreiben. Mit dem internationalen Bestseller Ermutigung zum unzeitgemäßen Leben Philosophie für alle Woran glaubt ein Atheist? Glück ist das Ziel, Philosophie der Weg

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 336
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783257606171
    Verlag: Diogenes
    Originaltitel: Le capitalisme est-il moral?
    Größe: 2270 kBytes
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Kann Kapitalismus moralisch sein?

[37] 3. Der "Tod Gottes"

Die dritte Erklärung, die ich vorschlagen möchte, um die Rückkehr der Moral begreiflich zu machen, bewegt sich auf der historischen Zeitebene der "langen Dauer". Ich denke dabei an einen Prozess, der sich über mehrere Jahrhunderte erstreckte. Er hat in der Renaissance begonnen, sich im 18. Jahrhundert unter dem Einfluss der Aufklärung beschleunigt und während des 19. und 20. Jahrhunderts fortgesetzt. Heute können wir, vor allem in Frankreich, beobachten, dass er fast abgeschlossen ist. Es handelt sich um einen Prozess der Laizisierung, der Säkularisierung und damit, zumindest soweit es Frankreich betrifft, der Entchristianisierung. Im Grunde ist es der Prozess, den Nietzsche schon Ende des 19. Jahrhunderts diagnostizierte, als er die berühmt gewordenen Worte schrieb: "Gott ist tot!... Und wir haben ihn getötet." 6 Denselben Prozess hat auf seine Weise der Soziologe Max Weber Anfang des 20. Jahrhunderts analysiert, als er - mit einem anderen berühmten Ausspruch, den unlängst Marcel Gauchet aufgegriffen hat - von der "Entzauberung der Welt" sprach. 7

Was soll das heißen?

Betrachten wir, um es kurz zu halten, den berühmteren der beiden Aussprüche Nietzsches - "Gott ist tot". Sie [38] wissen natürlich, dass der Ausspruch nicht wörtlich zu nehmen ist. Nietzsche ist sich darüber im Klaren, dass Gott, wenn es ihn denn gibt, definitionsgemäß unsterblich ist. Ich möchte hinzufügen, dass er, selbst wenn es ihn nicht gibt, ebenfalls in gewisser Weise unsterblich ist...

Vom Tod Gottes zu sprechen heißt auch nicht - wie ich im Gegensatz zu dem, was Nietzsche gelegentlich zu verstehen gab, finde -, dass es heute unmöglich ist, wahrhaft an Gott zu glauben. Das ist selbstverständlich immer möglich! Gott lebt - hier, jetzt, in diesem Saal - für alle die, die an ihn glauben. Doch im Unterschied zu früheren Jahrhunderten findet dieser Glaube nur noch in der Privatsphäre statt, wie die Soziologen sagen: Wir können nach wie vor individuell an Gott glauben; aber nicht mehr kollektiv mit ihm kommunizieren. Das gilt für jeden Einzelnen von uns und für uns alle gemeinsam. Ein Lehrer kann durchaus an Gott glauben; aber er kann sich nicht auf Gott berufen, um auf welchem Gebiet auch immer sein Wissen oder seine Autorität zu belegen. Der Leiter eines Unternehmens kann durchaus an Gott glauben; aber er kann sich nicht mehr auf Gott berufen, um seine wie auch immer geartete Macht über seine Mitarbeiter und Untergebenen zu rechtfertigen. Ein Politiker kann durchaus an Gott glauben; aber er vermag sich nicht auf Gott zu berufen, um sein Programm und [39] sein Handeln zu legitimieren. Das ist der Preis der Trennung von Staat und Kirche. Der Einzelne kann noch an Gott glauben, unsere Gesellschaft kann ihren Zusammenhalt nicht mehr auf ihn gründen. Dadurch entsteht eine große Leere, die den Gesellschaftskörper schwächt. Das ist die Bedeutung, die Nietzsches Worte heute haben: Gott ist gesellschaftlich tot.

Das wirft eine Vielzahl erheblicher Probleme auf, die fast alle die Frage des Gemeinwesens betreffen. Was bleibt von unserem Gemeinwesen, beispielsweise dem nationalen oder europäischen, wenn wir es nicht mehr auf eine religiöse Gemeinschaft gründen können? Denn aus der Gemeinschaft entsteht das Gemeinwesen und nicht umgekehrt. Nur wenn Gemeinschaft vorhanden ist, gibt es ein Gemeinwesen und nicht einfach ein Konglomerat nebeneinander herlebender oder konkurrierender Einzelwesen...

Doch was ist das für ein Gemeinwesen, wenn es keine Gemeinschaft mehr gibt?

Vor einigen Jahren habe ich Michel Serres gehört, wie er sich mit der Etymologie (oder mit einer der beiden möglichen Etymologien - die Frage wird von Fachleuten diskutiert, ist hier aber oh

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