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Untergangsprophet und Lebenskünstlerin Über die Ökologisierung der Welt von Schönherr-Mann, Hans-Martin (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 17.01.2015
  • Verlag: Matthes & Seitz Berlin Verlag
eBook (ePUB)
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Untergangsprophet und Lebenskünstlerin

Entgegen allen Untergangsszenarien lässt sich feststellen: Die Welt wird immer ökologischer. Jedoch nicht durch Rückkehr zur unberührten Natur, sondern in der Bejahung von umweltfreundlicher Technik und Konsum. Vielen, die seit Jahren für die Ökologie kämpfen, geht dieser pragmatische Weg längst nicht weit genug. Und doch ist ein neues Verhältnis zwischen Mensch und Natur entstanden, und es wird deutlich, dass es die ursprüngliche Natur wohl niemals gab. Hans-Martin Schönherr-Mann, geboren 1952, studierte Philosophie, Literaturwissenschaft und Neuere Geschichte. Er ist Professor für Politische Philosophie am Geschwister-Scholl-Institut der Ludwig-Maximilians-Universität München und seit Jahren regelmäßig Gastprofessor an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck. Weitere Gastprofessuren u.a. in Turin und Venedig. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher, zuletzt: Sartre - Philosophie als Lebensform und Miteinander leben lernen: Die Philosophie und der Kampf der Kulturen.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 192
    Erscheinungsdatum: 17.01.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783957571168
    Verlag: Matthes & Seitz Berlin Verlag
    Größe: 875 kBytes
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Untergangsprophet und Lebenskünstlerin

Vorwort

Unser Leben hat sich verdoppelt. Wer sich heute durch die Welt bewegt, wer erwirbt, konsumiert, wegwirft, reist, investiert und politisch entscheidet, scheint in allen Bereichen zwischen zwei Versionen der Lebenswelt wählen zu können: einer konventionellen und einer biologischen, respektive ökologischen. Kaum jemand wird infrage stellen, dass bewusst lebende, sich progressiv und links verortende Bürgerinnen nach Möglichkeit zu letzterer Variante tendieren werden. Dabei ist es kaum mehr vorstellbar, dass kritische Geister der ökologischen Frage vor noch nicht allzu langer Zeit sehr skeptisch gegenüberstanden. Als das Thema Umweltzerstörung in den Siebzigerjahren immer mehr Aufmerksamkeit erlangte und immer mehr linke Gruppen anfingen, sich in der jungen Anti-AKW-Bewegung zu tummeln, quittierten das viele, so auch ich, mit einem Kopfschütteln. Bei Marx hatten wir gelernt, dass der Fortschritt der Produktivkräfte den Weg in eine bessere Gesellschaft ebnet. Die moderne Technik hatte auch längst einen Stand erreicht, der den Benachteiligten eine erheblich lebenswertere Existenz ermöglichte, wenn der Kapitalismus die produzierten Güter nicht ungerecht verteilen würde. Es ging also darum, darin blieben wir Vätern der Neuen Linken wie Herbert Marcuse treu, die Produktionsverhältnisse zu ändern. Strategien, die Produktivkräfte ungenutzt zu lassen oder ihre Entwicklung zu bremsen, wie es Denker der frühen Ökologie, beispielsweise Ivan Illich, forderten, und die Verabschiedung des Proletariats durch André Gorz verzichteten hingegen auf die Änderung der Produktionsverhältnisse.

Der Eindruck des Atom-Unfalls von Harrisburg Anfang der Achtzigerjahre führte bei vielen zum Umdenken. Auch meine Perspektive veränderte sich und ich begann mich mit der Frage zu beschäftigen, wie man die Ökologie mit dem sozialen Fortschritt verknüpfen könnte.

Doch in der Beschäftigung mit den ökologischen Desastern schlug das theoretische Pendel bald ins Gegenteil aus. Unter dem Einfluss von Nietzsche, Heidegger und der postmodernen Philosophie begann ich am technologischen als auch am rationalen Denken zu zweifeln. Bereits die Dialektik der Aufklärung von Adorno und Horkheimer schien keinen Ausweg aus dem Dilemma zu kennen, dass der Fortschritt in die Barbarei und daran anschließend in die Naturzerstörung führt.

So entwickelte ich den Begriff der negativen Ökologie : Die modernen Naturwissenschaften und Technologien erfassen Natur nicht, wie sie wirklich ist, sondern entfalten einen Willen zur Macht, der im Industrialismus gipfelt und kein richtiges Leben mehr zulässt, eine Entwicklung, in die sich der damals noch real existierende Sozialismus einklinkt und die auch der Marxismus nicht zu humanisieren wüsste. Ein Zusammenspiel von Technologisierung, Bürokratie und Wirtschaft intensiviert nicht nur die Herrschaft des Menschen über den Menschen, sondern auch die industrielle Naturzerstörung. Vom Standpunkt der entwickelten Zivilisation schien jeder Ausweg aus diesem Verhängnis verstellt und Tschernobyl unterstrich noch mal die tödlichen Folgen dieses Zustandes.

Das Problem der Umweltzerstörung technologisch anzugehen, erachtete ich aus der Perspektive der negativen Ökologie als reichlich aussichtslos, da Technologien der Natur nie zu entsprechen vermögen, diese vielmehr immer nach technologischen Strukturen behandeln. Negative Ökologie wollte diese Differenz bzw. Adornos Nichtidentisches markieren und davon ausgehend im Sinne Heideggers zu denken geben, nicht zu handeln: Es müsste mehr gedacht und weniger getan, mehr unterlassen als aktiv angegangen werden.

Die Unfähigkeit der repräsentativen Demokratie, die Umweltprobleme anzugehen, verschärfte die Bedrohung durch die Umweltzerstörung genauso wie der Sozialismus, der indes schließlich unterging. Der Widerstand, der sich seit den Siebzigerjahren in der Bevölkerung ausbreitete, wirkte ebenfalls zieml

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