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Personalisierte Psychiatrie - Paradigmenwechsel oder Etikettenschwindel?

  • Verlag: Verlag Hans Huber
eBook (PDF)
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Personalisierte Psychiatrie - Paradigmenwechsel oder Etikettenschwindel?

Dank der Entschlüsselung des menschlichen Genoms ist es inzwischen möglich, bestimmte Erbanlagen mit der Anfälligkeit für Krankheiten oder der voraussichtlichen Wirkung von Medikamenten zu korrelieren. Daran knüpfen sich große Hoffnungen, Krankheitsrisiken frühzeitig zu erkennen und Behandlungen auf den Einzelfall zuzuschneidern. Auf der anderen Seite mehren sich die kritischen Stimmen, die diese Form der "Personalisierung" für ein leeres Versprechen halten und angesichts der Wünsche von Patienten nach persönlicher Zuwendung gar von einem Etikettenschwindel sprechen.
Inwieweit lässt sich dieser Ansatz auf die Psychiatrie und Psychotherapie übertragen? Dieses Buch vermittelt einen Überblick über die aktuellen Diskussionen um die Möglichkeiten und Grenzen der "personalisierten" Psychiatrie und Psychotherapie. Neben den Erkenntnissen der psychiatrischen Grundlagenforschung werden gesundheitsökonomische, historische und ethische Aspekte der Debatte um Personalisierung dargestellt. In den Mittelpunkt rückt dabei der Begriff der Person, wie er für eine wirksame zukünftige Psychiatrie und Psychotherapie gefasst werden muss.

Produktinformationen

    Format: PDF
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 249
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783456954073
    Verlag: Verlag Hans Huber
    Größe: 1722kBytes
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Personalisierte Psychiatrie - Paradigmenwechsel oder Etikettenschwindel?

1. Anthropologie in der Psychiatrie : mit der Aussicht auf individualisierte Medizin obsolet? (S. 21-22)

Andreas Heinz, Anne Beck, Ulrike Kluge

Eine individualisierte Medizin verspricht eine individuell "maßgeschneiderte " Diagnostik und Therapie auch psychischer Erkrankungen durch Kombination von genetischen und neurowissenschaftlichen Daten. In der Tat hat die neurowissenschaftliche und genetische Forschung im Bereich psychischer Erkrankungen in den letzten Jahrzehnten einen bedeutenden Aufschwung erfahren. Er wurde ganz wesentlich getragen durch neu entwickelte bildgebende Möglichkeiten, die die bestehenden Lokalisationsstudien (einerseits in Folge von Verletzungen und andererseits im Rahmen der Epilepsiechirurgie) um funktionelle Methoden der Bildung in vivo ergänzten. Kombiniert mit verschiedenen neurochemischen Methoden wie der Spektroskopie und der Positronen-Emissions-Tomografie ergibt sich darüber hinaus die mögliche Erforschung der Interaktion zwischen Neurotransmittersystemen einerseits und funktionellen Hirnaktivierungen bei Bewältigung bestimmter Aufgaben andererseits (siehe z. B. Kienast et al., 2008).

Dem Zuwachs an Detailwissen steht eine zunehmende Enttäuschung klinisch tätiger Therapeutinnen und Therapeuten gegenüber, da bildgebende Untersuchungen im Kernbereich der psychiatrischen Erkrankungen, d. h. mit Bezug auf die psychotischen, affektiven und Angststörungen bisher keine handlungsrelevanten diagnostischen Entscheidungshilfen bieten. Mit Bezug auf den Therapieverlauf gibt es zwar erste Studien, die darauf hinweisen, dass man beispielsweise aus dem Ausmaß der Aktivierung bestimmter Hirnregionen, die mit Aufmerksamkeitszuwendung in Verbindung gebracht werden, durch Alkoholbilder bei Alkoholabhängigen deren Rückfallrisiko partiell vorhersagen kann (Beck et al., 2012). Allerdings sind die Methoden so aufwendig, dass eine breite Anwendung im klinischen Alltag unwahrscheinlich ist, selbst wenn es gelingen sollte, im Rahmen verschiedener Replikationen die Befunde zu erhärten und so tatsächlich zu einem objektivierbaren Prediktor des Therapieverlaufs zu gelangen, der beispielsweise dazu benutzt werden kann, besonders gefährdete Patienten intensiver als andere zu behandeln bzw. zu unterstützen.

Das Versagen der derzeitig vorherrschenden neurobiologischen Methoden bezüglich der klinischen Diagnostik und weiterer, klinisch relevanter Fragestellungen im Rahmen der Psychiatrie und Psychotherapie lässt zwei Schlussfolgerungen zu: Entweder sind die neurobiologisch derzeit verfügbaren Methoden noch immer nicht exakt genug, um die komplexen, vielfältigen und wahrscheinlich auch im individuellen Verlauf wechselnden Muster neuronaler Aktivierung zu erfassen, die mit einzelnen Erlebnisweisen der Menschen in Verbindung stehen. Oder unsere klinischen Krankheitsbilder sind - da weitgehend aus traditionellen Überlegungen wie beispielsweise der Unterscheidung zwischen Gedanken und Gefühlen entwickelt - zu weit entfernt von den neurobiologischen Grundlagen psychischer Funktionen. So wäre es denkbar, dass beispielsweise das Erleben depressiver Verstimmungen unterschiedliche neurobiologische Korrelate aufweist, die auf Netzwerkebene unterschiedliche limbische Strukturen umfassen, auf Neurotransmitterebene mit verschiedenen Änderungen der neuronalen Übertragung in unterschiedlichen Botenstoffsystemen verbunden sind und im Bereich endokrinologischer Korrelate wiederum interindividuell wie möglicherweise auch intraindividuell komplexe Interaktionen zwischen beispielsweise einer Aktivierung des Stresshormonsystems und ihrer jeweiligen neurochemischen wie funktionellen Korrelate aufweisen (vgl. z. B. Reimold et al., 2011). Bezüglich der derzeit verfügbaren neurobiologischen Methoden ist kritisch anzumerken, dass die bisher vordringlich angewendeten Methoden weitgehend auf die Erfassung der "Spitze des Eisbergs" zielen, d. h., dass sie sich auf Hirnregionen konzentrieren, die bei mehreren Individue

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