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ICH ist manchmal ein anderer Mein Leben mit Schizophrenie von Winkler, Cordt (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 18.02.2019
  • Verlag: Goldmann
eBook (ePUB)
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ICH ist manchmal ein anderer

Cordt Winkler war Anfang zwanzig, als die Diagnose sein Leben auf den Kopf stellte: paranoide Schizophrenie. Symptome, die er in frühen Kindertagen schon bei seinem Vater beobachtet hatte, entdeckte er nun plötzlich auch an sich selbst: Das unkontrollierbare Abgleiten von Denken und Wahrnehmung, Panikanfälle, Verfolgungswahn, Ohnmacht, freier Fall. Klinikaufenthalte. Ehrlich und mitreißend lakonisch schildert er die Dynamik der psychotischen Krise und führt den Leser tief hinein in seine, von außen betrachtet, phasenweise verrückte Innenwelt. Ein Martyrium für die Betroffenen, ein Rätsel für Angehörige und Freunde und immer noch ein gesellschaftliches Tabu. Cordt Winkler zeigt, dass es möglich ist, mit der Krankheit zu leben. Gut sogar. Cordt Winkler, 1980 unweit der holländischen Grenze geboren, studierte Medienwissenschaften und arbeitet in einer Trendforschungsagentur. Er lebt in Berlin.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 240
    Erscheinungsdatum: 18.02.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641230166
    Verlag: Goldmann
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ICH ist manchmal ein anderer

1. Der Wohnungsbesetzer

1.1. Die Flucht

Ich lehnte mich auf dem durchgesessenen Fahrersitz des Umzugswagens, mit dem ich am Morgen aus meiner Heimatstadt hergekommen war, zurück, schaltete den dröhnenden Motor aus und atmete tief durch, denn nach längerer Suche hatte ich endlich einen Parkplatz vor dem zehnstöckigen Hochhaus gefunden, in dem sich meine neue Wohnung befand. Ein paar Blätter segelten langsam zu Boden. Es war bereits Herbst geworden, und in wenigen Monaten stand der Jahrtausendwechsel bevor. Die Wohnung war nicht gerade groß. Genau genommen bestand sie aus einem Raum und einem winzigen Badezimmer. Der schmale Flur war mit einer Kochzeile ausgestattet.

Mir fiel wieder ein, wie euphorisch ich vor zwei Wochen den Vertrag für das kleine Apartment unterschrieben hatte. Ich betrachtete das Haus genauer und musste mir eingestehen, dass es recht hässlich war. Ein Baum stand im Weg, sodass ich meinen Kopf weit nach links strecken musste. Mein Blick wanderte zum Fenster der Wohnung im siebten Stock. Es war hell erleuchtet. Ich hatte mir vor der Fahrt in die Großstadt, die mein neues Zuhause werden sollte, bereits bis ins Detail ausgemalt, wie es wäre, in meiner neuen Wohnung zu übernachten. Es würde nach frischem Minztee riechen, ich würde Musik von meinen Lieblingsbands hören, auf meinem kleinen blauen Sofa liegen und lesen. Daraus würde heute wohl nichts mehr werden, denn die Wohnung war besetzt worden. Von meinem Vater, der mir beim Umzug geholfen und sich dann dort einquartiert hatte.

Er weigerte sich, das Apartment wieder zu verlassen. Eigentlich hätte er bereits am Nachmittag zurück in unsere Heimatstadt fahren sollen, doch es kam anders. Ich sah auf die Uhr und war überrascht, denn es war bereits nach neun Uhr am Abend. Ich hatte Tränen in den Augen, war verwirrt und wusste schlicht nicht, was ich tun sollte. Ich rechnete aus, dass in etwa zehn Stunden der erste Tag meines Zivildienstes beginnen würde. Ich wollte natürlich einen guten Eindruck machen, doch hatte ich zum jetzigen Zeitpunkt keine Idee, wo ich mir vorher die Zähne putzen sollte. Vom Duschen mal ganz zu schweigen. Ich schnupperte an meinem Pullover und war vom Geruch wenig angetan. Vielleicht konnte ich mir am frühen Morgen ein starkes Deo besorgen und würde in einigen Stunden auch keinen ganz so verheulten Eindruck mehr machen, hoffte ich. Ich sah erneut auf die Uhr, und mir kam der Gedanke, dass ich morgen früh in ein Schwimmbad gehen könnte, um dort zu duschen. Doch die Zeit würde wohl nicht ausreichen, um pünktlich bei der Arbeit zu erscheinen. Ich rutschte auf dem Sitz hin und her, tat einen tiefen Atemzug und schloss die Augen.

1.2. Der Umzug

Das Bild meiner Mutter beim Abschied heute Morgen kam mir in den Sinn. Sie hatte sehr unglücklich ausgesehen, als sie mir half, meine königsblauen Kommoden in den Wagen zu verfrachten. Zusammen hatten wir sie wenige Tage zuvor gestrichen und vorab gemeinsam die Farbe ausgesucht. Ich war dennoch gut gelaunt gewesen, da ich mich freute, nach dem bestandenen Abi endlich aus dem Kleinstadtmief ausbrechen zu können. Da mein Hab und Gut nicht gerade leicht war, hatte sich mein Vater bereit erklärt, mich auf der Fahrt in die Großstadt zu begleiten. Meine Eltern lebten zwar getrennt, und meine Mutter hatte einen neuen Partner gefunden, trotzdem hatte sie meinen Vater angerufen und gebeten, mir beim Umzug zu helfen. Zu diesem Zeitpunkt gab es keine Anzeichen dafür, dass daraus ein Problem werden könnte. Ich war jedenfalls froh, dass ich den klapprigen Umzugswagen nicht selbst fahren musste.

Ich verabschiedete mich von meiner Mutter, während mein Vater auf dem Fahrersitz wartete. Minuten später fuhren wir Richtung Autobahn. Ich erzählte meinem Vater von dem Plan, zunächst noch bei einer nahe gelegenen Ikea-Filiale zu halten, bevor wir zu meiner neuen Wohnung fuhren. Begeistert berichtete ich ihm von meiner Idee, dort in einem Hochbett zu schlafen. Mein Vat

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