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Melancholie Die traurige Leichtigkeit des Seins von Zehentbauer, Josef (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.11.2013
  • Verlag: Peter Lehmann Publishing
eBook (PDF)
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Melancholie

Melancholie ist eine wunderbare Charaktereigenschaft, voll von Tiefgang, Kreativität und Leidenschaft. Am äußersten Ende der Melancholie lagert die Depression, die häufigste Volkskrankheit. Für Depressive wird es eine Erleichterung sein, aus den Tiefen des Tränensees wieder aufzusteigen und sich in das besinnlich schaukelnde Boot der Melancholie zu retten. Dass das möglich ist, zeigt dieses Buch. Man sollte die Melancholie nicht bekämpfen, sondern akzeptieren. Ein Plädoyer für die Melancholie als positive Kraft. Josef Zehentbauer, Arzt, Psychotherapeut und Dozent in München. Mitarbeit bei zahlreichen Fernsehsendungen. Autor erfolgreicher Bücher, unter anderem "Chemie für die Seele", "Abenteuer Seele", "Körpereigene Drogen".

Produktinformationen

    Format: PDF
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 214
    Erscheinungsdatum: 01.11.2013
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783925931628
    Verlag: Peter Lehmann Publishing
    Größe: 2259 kBytes
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Melancholie

Die traurige Ästhetik des Seins

Eine Geschichte sollte ich erzählen, und ich erzähle:

Ein traurig lächelnder Mann, der viel erlebt hat, verlässt sein Zuhause und begibt sich auf eine lange Wanderung. Monat um Monat, Jahr um Jahr wandert er dahin ... schließlich wird er müde, sehr müde und er - der gerade ein Tal durchqueren will - setzt sich am Wegrand erschöpft zu Boden. Da erst sieht er, dass eine hohe Mauer vor ihm steht und ein großes verriegeltes Tor. Vor dem Tor ragt eine Wächterin, groß von Gestalt, mit langen wallenden Haaren und einem Schwert in Händen.

"Darf ich eintreten?", fragt der Mann.

Doch die Wächterin schüttelt den Kopf und sagt: "Nein."

Da bleibt der Mann auf der Stelle kauern und wartet ... und wartet. Manchmal reicht die Wächterin ihm einen Krug mit Wasser, eine Schale mit Reis ... und der Mann wartet weiterhin ... wartet ... wartet... Zeiten vergehen, lange, lange Zeiten ...

Schließlich spürt der Mann, dass sein Ende naht, und er wagt noch einmal, die Wächterin zu fragen: "Darf ich eintreten?" Und die Wächterin antwortet: "Warte noch ein Weilchen ..."

Der Mann bleibt in sich versunken, doch mit letzter Kraft blickt er erneut zur Wächterin empor und spricht mit leiser, gebrochener Stimme: "Darf ich dich noch etwas fragen?"

Es antwortet die Wächterin: "Ja."

"Warum?", so fragt der Mann, "warum ist in all der langen, langen Zeit, in der ich hier kauere und warte, kein anderer Mensch gekommen, um Einlass zu erbitten?"

Die Wächterin lächelt freundlich: "Dieses Tor ist nur für dich bestimmt."

Da lächelt - unendlich müde - auch der kauernde Mann, lächelt und seufzt tief ... schließt die Augen. Nun öffnet die Wächterin das Tor ganz weit, verneigt sich gegenüber dem Mann und macht eine einladende Geste: "Tritt ein ..." Alsdann entschwindet die Wächterin ... und die Sonne verbleicht im Nebel ...

Die eigentlichen Wahrheiten des Lebens werden überaus behütet. Und selbst wenn das Tor zur Wahrheit offen stünde, wissen wir nicht, ob wir es wagen würden, die Schwelle zu überschreiten.

In all den Augenblicken dessen, was wir Leben nennen, spüren wir hinter den lauten Tumulten des Alltags eine monotone Einsamkeit. Und diese Einsamkeit kann sich zum Alleinsein wandeln und dann Wegweiser werden bei der Suche nach der Wahrheit des Lebens. Aber was heißt schon "Wahrheit"?

Jedenfalls verkriecht sich die Einsamkeit, wenn wir im Job aufgehen, mit Kindern herumtollen, laut lachend mit anderen Kaffee trinken, vor dem Fernsehapparat oder vor dem Computer sitzen, Zeitschriften lesen, uns amüsieren, ablenken. Vielerlei Arten von Ablenkung verführen uns, und vielleicht mögen viele denken: Das ist angenehm und (vermeintlich) förderlich für das Wohlbefinden.

Müssen wir denn unbedingt in den Tiefen schürfen und die Grenzen unserer Existenz ergründen? ... Müssen wir die Leiden dieser Erde spüren und nach dem Jenseitigen schauen?

Wir müssen nicht. Doch da ist ein amorphes Sein in uns - in jedem Menschen (!) -, ein amorphes, dunkles und dennoch lichtes Sein, das über die Individualität hinausragt. Dieses amorphe Sein hat ein ernst lächelndes Antlitz, zeigt eine traurige, stille Freude und stellt immer wieder fundamentale und ins Jenseits zielende Fragen, die ohne Antwort bleiben. Dieses schwer erfassbare, alle Menschen tief im Herzen berührende Sein hat einen Namen: Melancholie.

Manche Menschen spüren nur wenig Melancholie oder verdrängen sie, andere werden von der Melancholie angezogen wie von einem Magneten und versinken darin. Solche, von der verschwommen-lichten Traurigkeit besonders erfüllte Menschen werden Melancholiker genannt und sind Grenzgänger auf dem schmalen Pfad zwischen Diesseits und Jenseits. Und manchmal bauen die Melancholiker kunstvolle Brücken zum Unbeschreiblichen und zum Transzendenten.

Melancholie ist keine Krankheit , sondern eine - vielleicht tragische - Auszeichnung

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