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Flüchtlingskinder - gestern und heute Eine Psychoanalyse von Hopf, Hans (eBook)

  • Verlag: Klett-Cotta
eBook (ePUB)
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Flüchtlingskinder - gestern und heute

Als Kind hat der bekannte Kindertherapeut Hans Hopf selbst Flucht und Vertreibung erlebt. Die Parallelen der heutigen Situation zur Nachkriegszeit liegen auf der Hand, doch aus den damaligen Erfahrungen wird nicht gelernt. Dabei wissen Psychotherapie und Pädagogik, worauf es bei der Integration dieser Menschen ankommt. Die Eingliederung der Asylsuchenden stellt unsere Gesellschaft in den nächsten Jahren vor eine ihrer größten Herausforderungen. Unter ihnen befinden sich auffallend viele Jungen und junge Männer, die ohne ihre Familien geflohen und auf sich alleine gestellt sind. Hans Hopf zeigt die Gemeinsamkeiten, aber auch die Unterschiede der Situation der damaligen und heutigen Flüchtlingskinder auf und erklärt auf der Grundlage seiner eigenen persönlichen Erfahrungen, seiner Kenntnisse als Psychoanalytiker und seiner jahrelangen Erfahrung als therapeutischer Heimleiter, was getan werden muss und wie eine Integration gelingen kann. Dr. Hans Hopf ist einer der führenden Kinder- und Jugendlichen-Psychoanalytiker Deutschlands und hat viele Jahre lang das Heim Osterhof für schwer erziehbare Kinder im Schwarzwald geleitet. Im Sudetenland geboren, hat er nach dem Krieg, teilweise ohne seine Eltern, mehrere Jahre in verschiedenen Flüchtlingsheimen in Süddeutschland gelebt.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 256
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783608100891
    Verlag: Klett-Cotta
    Größe: 3588 kBytes
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Flüchtlingskinder - gestern und heute

Ein Kriegs- und Vertriebenenkind

Ich bin ein Kriegskind. 1942, in der Mitte des Zweiten Weltkriegs geboren, als nach der Schlacht von Stalingrad kaum mehr verkannt werden konnte, dass der Krieg verloren war. Da damals alle Menschen mit sich, ihren Sorgen und ihrer Hoffnungslosigkeit befasst waren, wurde von Kindern erwartet, keine eigenen Ansprüche zu stellen und sich vielmehr um andere Menschen zu kümmern. Dass sie ihre Pflicht erfüllen und strebsam sein sollten. Bezeichnenderweise hat sich lange Zeit niemand mit diesen Kindern und ihren späteren Schicksalen ausführlich befasst. Erst meine Kollegen Hartmut Radebold und Michael Ermann haben mit Vorträgen, Veröffentlichungen und Büchern über die Lebenswege dieser Kinder berichtet und geschrieben, als sie bereits alte Menschen waren. Sabine Bode hat ein wichtiges Buch über die Kriegskinder verfasst. Flüchtlinge und Vertriebene haben die Zeche bezahlt, deren Schuld überwiegend andere verursacht haben. Wir sind kollektiv schuldig gesprochen worden. Bis heute verstört mich, dass unser Schicksal gleichsam mit den Verbrechen des "Dritten Reichs" aufgerechnet und unsere Leiden als eine unvermeidbare Folge der Untaten der Nationalsozialisten gesehen werden. Festzustellen ist, dass neues Unrecht geschaffen wurde, über das noch viel zu wenig und viel zu spät vorurteilsfrei und sachlich diskutiert worden ist.
Vertreibung - von Teplitz nach Dainrode

Ich bin im damaligen Sudetenland, im heutigen Tschechien, in der Stadt Teplitz-Schönau (Teplice) zur Welt gekommen. Eine Geburtsurkunde besitze ich allerdings nicht, sie ist während der Vertreibung verloren gegangen.

Auch keinen Taufschein, so dass sich konsequent die Frage nach meiner Identität stellt. Denn Identität wird durch Bescheinigungen geregelt, von der Geburtsurkunde bis zum Akademischen Abschluss. Bin ich überhaupt Deutscher? Bin ich Katholik? Überdenke ich meine ethnische Identität, so wird es noch komplizierter. Ich nehme die lebenslangen Anstrengungen wahr, die diese Integration erfordert hat. Ich bin Nachkomme von deutschen, tschechischen und jüdischen Vorfahren, in Tschechien geboren, bin in meinem Leben sechzehnmal umgezogen und schließlich ein schwäbischer Kinderpsychoanalytiker geworden.

Mein Geburtshaus und seinen langsamen Verfall habe ich bei Besuchen immer wieder einmal gesehen. Als ich geboren wurde, war mein Vater als Soldat in Serbien stationiert, meine Mutter musste mit der Betreuung von damals drei Kindern allein fertig werden. Wenig später häuften sich die Luftangriffe auf Teplitz, und wir mussten bei Alarm regelmäßig in den Luftschutzkeller. Meine Mutter hat mir später erzählt, dass sie mich damals auf dem Schoß festhielt und sich an mich klammerte, weil sie starke Angst hatte. Nach einem Luftangriff erlitt ich einen epileptischen Anfall. Ich vermute, dass meine Mutter nicht nur meine Ängste nicht mildern konnte, sondern dass ich auch noch ihre Paniken in mich aufnehmen musste. Die Anfälle traten von da an regelmäßig auf. Ich erinnere mich, dass meine Mutter bei einer Routineuntersuchung in einem Lager einen Arzt nach den Ursachen fragte. Dieser antwortete etwas zerstreut, er hatte wirklich viel zu tun, dass dies wohl auf mein Zahnen zurückzuführen sei. Bis zum fünften Lebensjahr wiederholten sich diese epilepsieähnlichen Anfälle. Sie hörten auf, als ich nicht mehr bei meiner Mutter, sondern bei meiner Großmutter mütterlicherseits lebte.

1945 war unter Staatspräsident Edvard Benes die "Liquidierung der deutschen Frage" angeordnet worden, sprich die Vertreibung der Deutschen aus der jetzigen Tschechoslowakei. Bis heute wird die Vertreibung der sudetendeutschen Bevölkerung beschönigend als "Abschiebung" bezeichnet. Der Hass der tschechischen Bevölkerung auf die Deutschen war gewaltig. Denn diese hatten dem Anschluss an das Deutsche Reich in der Mehrzahl zugestimmt. Die mehr als drei Millionen Deutschen wurden darum überwiege

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