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Aus meinem Leben Autobiografie von Cohn, Chaim (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 17.06.2019
  • Verlag: Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag
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Aus meinem Leben

1911 in eine religiöse jüdische Familie Lübecks hineingeboren, emigrierte Chaim Cohn 1930 nach Jerusalem und studierte an einer Jeschiwa in Mea Shearim, dem frommen Viertel der Stadt. In den 1930er Jahren ging er jedoch wieder nach Deutschland, um in Frankfurt ein Studium der Rechtswissenschaften aufzunehmen. 1936 kehrte er ins damalige britische Mandatsgebiet zurück und ließ sich in Jerusalem als Anwalt nieder. Nach der Gründung des Staates Israel wurde er zum federführenden Juristen des Landes und wirkte als Staatsanwalt, Generalstaatsanwalt, als Justizminister und über Jahre als Richter des Obersten Gerichts. Er arbeitete eng mit Fritz Bauer in Frankfurt zusammen, um Adolf Eichmann vor Gericht zu bringen. Die Urteile, die er fällte, standen immer im Zeichen der Menschenrechte, besonders im israelisch-palästinensischen Konflikt. Und er setzte durch, dass Homosexualität im Staat Israel nicht bestraft wurde, wie es das britische Recht noch für das Mandatsgebiet vorsah. Chaim Cohns zahlreiche Bücher und Aufsätze zeigen seine profunde juristische wie geistliche Bildung. Seine Autobiographie erweist ihn als einen herausragenden Vertreter des deutschen Judentums in Israel. 2017 ist sein Standardwerk Der Prozess und Tod Jesu aus jüdischer Sicht im Jüdischen Verlag erschienen. Chaim Cohn, 1911 in Lübeck geboren, wanderte 1930 nach Palästina aus. Er studierte in Jerusalem Judaistik und Jura. Seit der Staatsgründung Israels 1948 wirkte er als Generalstaatsanwalt - in der Funktion wirkte er bei der Ergreifung Eichmanns mit Fritz Bauer zusammen -, als Justizminister des Landes und von 1960 an als Richter am Obersten Gerichtshof Israels. Er vertrat sein Land bei der UNO-Menschenrechtskommission. Chaim Cohn starb 2002 in Jerusalem.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 300
    Erscheinungsdatum: 17.06.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783633762224
    Verlag: Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag
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Aus meinem Leben

1
Lübeck

Das fromme jüdische Milieu, in dem ich geboren wurde und aufwuchs, war von eigentümlicher Dichotomie: auf der einen Seite die strengste Observanz aller Gebote der Tora, der geringfügigen wie der gewichtigen, ein fraglos-selbstverständlicher, vollkommener und blinder Glaube an den Gott Israels, an dessen absolute Gerechtigkeit, Gnade und Barmherzigkeit sowie an seine Tora, die höchste, unanfechtbare Wahrheit; auf der anderen Seite das tiefe Bewusstsein von den Werten der deutschen Kultur in all ihren Verästelungen und Erscheinungen, dazu auch die sorgfältige Pflege aller weltlichen Wissenschaften und schönen Künste. Wir waren deutsche Juden: Juden, was die Gottesfurcht, die Liebe zum Höchsten und den Lebenswandel auf den von ihm gewiesenen Wegen betraf; und Deutsche hinsichtlich der Sprache, der Kultur und dem Land. Anders gesagt: Als Menschen und in gesellschaftlicher Hinsicht empfanden wir uns nicht als Deutsche. Die Kontakte zwischen orthodoxen Juden und ihren deutschen Nachbarn beschränkten sich auf geschäftliche Beziehungen oder den gemeinsamen Unterricht in Schule und Universität. "Es ist ein Greuel, mit ihnen Brot zu essen" [1] - die Hauptsache war, die Kaschrut einzuhalten; doch bestand auch seitens der meisten Deutschen keinerlei Bedürfnis, mit Juden Umgang zu haben und sie etwa nach Hause einzuladen. Unter diesem Aspekt war unser Deutschtum etwas abstrakt, während das Judentum auch die kleinsten Bereiche unseres Lebens - des inneren, spirituellen wie des äußeren, praktischen - durchdrang.

Die Dichotomie, die ich hier beschrieben habe, war ihrer halachischen Grundlage wegen religiöser Natur. Die Lehrsätze von Rabbi Eliezer ben Azarya - "Ohne Tora keine Lebensart, und ohne Lebensart keine Tora" ( BT Nezikin Avot 3 , 21 ) [2] - und von Rabban Gamliel, dem Sohn von Rabbi Yehuda ha-Nasi - "Schön ist das Studium der Tora mit weltlichem Tun verbunden, denn auf beides verwandte Mühe lässt die Sünde in Vergessenheit geraten" (ebd. Avot 2 , 2 ) [3] - wurden so verstanden, dass mit der "Lebensart" entsprechend der traditionellen Exegese nicht nur die Arbeit für den Lebensunterhalt gemeint war, sondern auch - und vielleicht vor allem - im wortwörtlichen Sinn die Konventionen, das Brauchtum des Landes, in dem wir in der Verbannung lebten. Dabei ging es nicht um den Weg, den die Tora uns zu gehen untersagt (beispielsweise nicht-jüdische Gepflogenheiten zu übernehmen), sondern um jene Lebensweise, die sich aufs Schönste mit der Tora verbindet. Samson Raphael Hirsch, Rabbiner in Frankfurt am Main und einer der führenden Köpfe unter den Gründern der deutschen Orthodoxie, prägte die Formulierung "Tora mit Lebensart" als Losungswort dieser Richtung im Judentum.

Und weil geschrieben steht: "Raum schaffe Gott dem Japhet, dass er wohne in den Zelten Schems" ( 1. Moses 9 , 27 ), lehrten die Weisen, "Schönheit schaffe Gott für Japhet, und er wohne in den Zelten Schems; die Sprache Japhets sei in den Zelten Schems zu finden ... das Schönste Japhets sei in den Zelten Schems zu finden." ( BT Moed Megilla 9 b; Raschi ebd.) Obwohl die Massora den Begriff "Schönheit" (yafyut) im Sinne von "Weisheit" (chokhma) interpretiert und mit der Sprache das Griechische gemeint ist, in denen sich die Nachkommen Japhets auszeichneten, fanden die Rabbiner Deutschlands die wortwörtliche Interpretation angemessener und subsumierten unter "Schönheit" alles Schöne, was es auf der Welt gab und der christlichen Tradition und Kultur zufiel.

Unter den Rabbinern Deutschlands, den Anhängern Samson Raphael Hirschs und jenen, die seiner Richtung folgten, nahm mein Großvater, Rabbi Schlomo Carlebach, Rabbiner in meiner Geburtsstadt Lübeck,

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