text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Islam in der Krise Eine Weltreligion zwischen Radikalisierung und stillem Rückzug von Blume, Michael (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 28.08.2017
  • Verlag: Patmos Verlag
eBook (ePUB)
14,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Islam in der Krise

Der Islam scheint selbstbewusst zu expandieren. Doch das Gegenteil ist der Fall. Der Religionswissenschaftler Michael Blume erklärt das Szenario als Symptom einer weltweiten tiefen Krise des Islams. Er zeigt: Es ist nicht einmal mehr klar, wie viele Muslime es tatsächlich noch gibt. Blume verweist auf massive Säkularisierungsprozesse in der islamischen Welt. Er benennt, was die einstige Hochkultur in Krisen und Kriege stürzen ließ. Die bis heute reichende Bildungskrise der islamischen Zivilisation wurde im 15. Jahrhundert eingeleitet. Faktisch werden viele arabisch-islamische Staaten nur am Leben erhalten durch den Ölverkauf, der demokratische Entwicklungen erstickt. Mangels einer schlüssigen Erklärung für den Niedergang übernehmen zahlreiche Muslime Verschwörungsmythen aus dem Westen und befördern damit weitere Akte terroristischer Gewalt. Das Buch bietet eine Chance, die Krise des Islams und die Konflikte zwischen den Kulturen besser zu verstehen und gemeinsam zu neuen Lösungswegen zu kommen. Dr. Michael Blume lehrt, forscht und schreibt als Religionswissenschaftler. Beruflich ist er Referatsleiter für die nichtchristlichen Religionen und Minderheiten im Staatsministerium Baden-Württemberg. 2015/16 leitete er das Sonderkontingent des Landes für schutzbedürftige Frauen und Kinder aus dem Nordirak. Er ist mit einer Muslimin verheiratet; er war Gründungsvorsitzender der Christlich- Islamischen Gesellschaft (CIG) Region Stuttgart e. V. Für seinen Blog wurde er von den führenden Wissenschaftsbloggern mit dem Scilogs-Preis ausgezeichnet.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 192
    Erscheinungsdatum: 28.08.2017
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783843609579
    Verlag: Patmos Verlag
    Größe: 1150 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Islam in der Krise

1.1 Mitgliedschaft und Religionsfreiheit in der islamischen Welt

Als der Prophet Muhammad (571-632) die heutige Weltreligion Islam gründete, verstand sich diese als Wiederherstellung einer ursprünglichen, göttlichen Offenbarung. Während der ersten Entfaltungszeit als diskriminierte und oft verfolgte Minderheit in Mekka lag dabei durchaus die Möglichkeit einer Entscheidungsreligion analog zum Christentum nahe: Muhammad selbst war als freiwilliger Hanif - als nach dem Gott Abrahams Suchender - aufgebrochen und auch seine ersten Mitglaubenden entschieden sich jeweils freiwillig und oft gegen ihre Familien für den islamischen Glauben. Doch in Medina wurde die Gemeinschaft der Muslime, die Umma, auch zur Grundlage eines Staatswesens, in dem jeder nichtmuslimische Schutzbefohlene (dhimmi) mindere Rechte hatte. Nach dem Tod des Propheten wurde die Abkehr vom Islam nicht mehr als religiöse Entscheidung, sondern als politischer Verrat (ridda) bewertet. Entsprechend Abgefallene wurden - und werden! - als Murtad bezeichnet und, sofern man ihrer habhaft wurde, mit dem Tode bestraft. Wirkliche Religionsfreiheit konnte damit nur noch für Nichtmuslime bestehen; wer einmal in den Islam hineingeboren oder eingetreten war, riskierte durch einen Glaubensverlust oder -wechsel sein Leben.

Spätere islamische Theologen ergänzten diese Lehre durch die Annahme, dass eigentlich jedes Kind mit dem Keim des wahren Glaubens (fitra) zur Welt komme. Dem Propheten Muhammad wurde dabei die Aussage zugeschrieben: "Jeder wird im Zustand der Fitra geboren. Alsdann machen seine Eltern aus ihm einen Juden, Christen oder Zoroastrier." 13

Entsprechend gab - und gibt! - es immer wieder Bestrebungen, auch die Kinder von Nichtmuslimen ihren Familien zu entreißen und zu "wahren" Muslimen zu erziehen. Im Osmanischen Reich wurden in der sogenannten "Knabenlese" (devsirme) gezielt Jungen aus nichtmuslimischen, vor allem christlichen Familien zwangsrekrutiert, zum Islam zwangsbekehrt und zu Janitscharen, Elitesoldaten, ausgebildet, auch gegen den verzweifelten Widerstand der Eltern, die manchmal sogar getötet wurden. 14 Und im Irak hatte ich nicht nur mit Kindern aus yezidischen Familien zu tun, die vom selbsternannten "Islamischen Staat" zwangsbekehrt und zu Kindersoldaten, sogar zu Selbstmordattentätern ausgebildet worden waren. Darüber hinaus versuchten Politiker und Ulema des kurdischen Regionalstaates - den die Bundesrepublik als Verbündete u. a. mit Waffenlieferungen unterstützte -, yezidische Waisenkinder an muslimische Familien zu vermitteln und sie damit zu "wahren Muslimen" zu machen.

Freilich ist hier vor christlichem Hochmut zu warnen: Lange Zeit war die eingeschränkte Religionsfreiheit in der islamischen Welt jener in Europa weit überlegen. Immer wieder suchten und fanden Juden und Christen unter islamischer Herrschaft den Schutz, den ihnen die europäischen Staaten noch nicht gewähren wollten. So werden auch in den von Martin Luther entworfenen und von führenden evangelischen Gelehrten gezeichneten "Schmalkaldischen Artikeln" von 1536 die "Türken" und "Tataren" bei aller Feindschaft auch gelobt, denn "sie lassen (jeden), der es will, an Christus glauben und verlangen (bloß) leiblichen Zins und Gehorsam von den Christen". In Europa gewährte zunächst nur Polen auch Juden, Muslimen und christlichen Minderheiten eine dementsprechende Religionsfreiheit, die erstmals in der "Warschauer Konföderation" von 1573 festgeschrieben wurde - und prompt dazu beitrug, dem Land die Verheerungen der europäischen Konfessionskriege zu ersparen. 15

Zwar entwickelte sich von der Reformation aus dann zunehmend ein breiteres Verständnis von Religionsfreiheit - vor allem in Großbritannien, den Niederlanden und den Überseekolonien -, doch gab es immer wieder Rüc

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen