text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

'Euthanasie' - zum Umgang mit vergehendem menschlichen Leben Historische Einsichten - ethische Sondierungen

  • Erscheinungsdatum: 11.04.2013
  • Verlag: Kohlhammer Verlag
eBook (PDF)
18,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

'Euthanasie' - zum Umgang mit vergehendem menschlichen Leben

Im September 1940 erfolgten die ersten Verlegungen von Menschen mit Behinderung im Rahmen der sogenannten Aktion 'Gnadentod' aus den Einrichtungen der Diakonissenanstalt Neuendettelsau. Weitere Verlegungen von über 1200 Menschen folgten, über 900 von ihnen wurden in staatlichen Heil- und Pflegeanstalten und in der Anstalt Hartheim bei Linz ermordet. Diesem Teil ihrer Geschichte gegenüber weiß sich die Diakonie Neuendettelsau in besonderer Verantwortung, nicht nur in der historischen Aufarbeitung, sondern auch in den gegenwärtigen Herausforderungen zum Thema 'Euthanasie'. Die hier virulenten ethischen Fragestellungen in Medizin und Pflege nehmen weiter an Bedeutung zu. Prof. Dr. h.c. Hermann Schoenauer ist Rektor der Diakonie Neuendettelsau.

Produktinformationen

    Format: PDF
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 128
    Erscheinungsdatum: 11.04.2013
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783170264137
    Verlag: Kohlhammer Verlag
    Größe: 28534 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

'Euthanasie' - zum Umgang mit vergehendem menschlichen Leben

Hans-Walter Schmuhl
Rassenhygiene, Eugenik, "Euthanasie" - die historischen Grundlagen und Entwicklungen

In der Epoche des fin de siècle - also in den drei Jahrzehnten von Mitte der 1880er Jahre bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs - kam nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Teilen Europas und Nordamerikas und mancherorts in Lateinamerika, Asien und Australien ein neuer Gedanke auf: die Eugenik oder - wie man im Deutschen sagte - die Rassenhygiene. In Großbritannien hatte Francis Galton , der Vetter Charles Darwins, ein genialer Privatgelehrter, der sich durch eine Reihe höchst origineller Einsichten, Erfindungen und Entdeckungen in der Statistik und Physik ebenso einen Namen machte wie in der Daktyloskopie, Meteorologie und Botanik, seit Mitte der 1860er Jahre die Grundzüge einer neuen Lehre entworfen, die sich - so Galtons klassische Definition - mit "allen Einflüssen" beschäftigte, "denen es möglich sei, die angeborenen Eigenschaften einer Rasse zu verbessern und zu höchster Vollkommenheit zu entwickeln." Für diese neue Lehre prägte er im Jahre 1883 den Begriff national eugenics . In Deutschland bildete sich - weitgehend unabhängig von Galtons Eugenik - in den 1890er Jahren die Rassenhygiene heraus: Wilhelm Schallmayers 1891 veröffentlichtes Buch "Über die drohende körperliche Entartung der Kulturmenschheit" und vor allem Alfred Ploetz ' Werk "Die Tüchtigkeit unserer Rasse und der Schutz der Schwachen", erschienen im Jahr 1895, legten den Grund dazu.

Zu dieser Zeit begann der Siegeszug der eugenischen Idee rund um den Erdball, anfangs allerdings ganz unscheinbar: Das internationale Netzwerk der Eugeniker und Rassenhygieniker umfasste am Vorabend des Ersten Weltkriegs nur wenige hundert Männer und Frauen - zu dieser Zeit war die Eugenik eher noch die Sache sektiererischer Grüppchen am Rande der Gesellschaft. Das änderte sich nach der Zäsur des Ersten Weltkriegs von Grund auf. Seit 1918 rückten Eugenik und Rassenhygiene in die Mitte der Gesellschaft. Sie hinterließen ihre Spuren in Forschung und Lehre der Wissenschaften vom Menschen, in juristischen, philosophischen, theologischen und medizinischen Diskursen, in der öffentlichen Meinung, in den Programmen politischer Parteien und den Forderungskatalogen einflussreicher gesellschaftlicher Interessengruppen, in der staatlichen Gesetzgebung zur Bevölkerungs-, Einwanderungs-, Sozial- und Gesundheitspolitik. Dieser Trend gilt, wohlgemerkt, nicht nur für Deutschland. Die deutsche Rassenhygiene hatte in der internationalen eugenischen Bewegung zwar großes Gewicht, bis 1933 galten den deutschen Rassenhygienikern jedoch die Vereinigten Staaten von Amerika wegen ihrer Vorreiterrolle bei der eugenischen Sterilisierung als gelobtes Land.

Gehen wir wieder zurück in die Epoche des fin de siècle . In den 1890er Jahren formierte sich im wilhelminischen Deutschland - parallel zur Grundlegung der Rassenhygiene - ein auf vielfältige Weise mit dieser verflochtener, aber doch eigenständiger Diskurs um Sterbehilfe, Tötung auf Verlangen und Tötung von nicht einwilligungsfähigen Patienten. 1895 forderte Adolf Jost in einer - so wörtlich - "sozialen Studie" so klar und eindeutig wie kaum je zuvor ein "Recht auf den Tod" nicht nur für Todkranke auf deren Verlangen, sondern auch für "geisteskranke Anstaltsinsassen". Bei diesen sprächen "das Mitleid und das Interesse der Gesellschaft" dafür, ihr Leben zu beenden. Auch dies war kein singulär deutsches Phänomen - ein ähnlicher Diskurs lässt sich etwa auch in den USA nachweisen. Dort propagierte W. Duncan McKim im Jahre 1899 die "Euthanasie" nicht nur als "sanften Tod" für unheilbar kranke, Schmerz leidende Menschen, sondern auch als "künstliche Selektion", "um die menschliche Rasse umzuzüchten". Vor dem Ersten Weltkrieg hatten solche Forderungen wede

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen