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Das Hüpfkästchenspiel Franz Kafka, Die Verwandlung und wie es dazu kommen konnte von Chrzanowski, Sascha (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 07.04.2016
  • Verlag: Tectum Wissenschaftsverlag
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Das Hüpfkästchenspiel

Gemessen am Alter der Erde ist das Entstehen fiktionalen Erzählens ein Ereignis jüngsten Datums. Den Autor zum Urheber des Erzählten zu erklären, löst die Frage nach dem Ursprung nicht, denn ebenso wie das Erzählte muss auch der Autor aus einem Prozess hervorgegangen sein, an dessen Anfang es weder Autoren noch Erzählungen gab. Wie ist es also möglich, dass in jüngster Zeit Autoren wie Franz Kafka, Leser wie du und ich, sowie Erzählungen wie Die Verwandlung als Folgewirkung einer natürlichen Entfaltung unseres Universums haben entstehen können? Das Hüpfkästchenspiel zielt auf eine Beantwortung dieser Frage. Dabei wird die Kafkaforschung sowie insbesondere Kafkas Erzählung Die Verwandlung zum Sprungbrett für eine theoretische Diskussion, die aufzeigt, warum die alten Lieder vom Autor als Genie und vom Tod des Autors umgeschrieben werden müssen. Sascha Chrzanowski bildet ein Nachdenken über die Evolution fiktionalen Erzählens an der Verwandlung ab. Der Held jener vielleicht berühmtesten Erzählung Franz Kafkas erscheint dabei in einer Gestalt, die den Blick des Lesers auf die Verwandlung neu öffnet.

Produktinformationen

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Das Hüpfkästchenspiel

0. Spielfeld

Über Kafkas Bedeutung für die deutschsprachige und für die Weltliteratur müssen wir hier kein Wort verlieren. Über die Unmenge an Kafka-Forschungen zu fast allen Bereichen, die sich mit Leben und Werk Kafkas verbinden oder verbinden lassen, auch nicht. (Jagow; Jahraus (Hrsg.) 2008: 9)

Es ist zu einem Topos der Kafkaforschung geworden, am Anfang seines Beitrages zu dieser mittlerweile ins Gewaltige herangewachsenen Textmasse die Unübersichtlichkeit dieser Forschungslandschaft hervorzuheben. Wohl einerseits, um zu betonen, dass auch mit bestem Willen nur ein Bruchteil der möglicherweise relevanten Literatur als Referenzraum der vorliegenden Arbeit berücksichtigt werden konnte. Wohl andererseits, um die Relevanz der eigenen Arbeit kurz hervorzuheben und sich so der nicht unbegründeten Befürchtung entgegenzustemmen, dass sich der eigene Beitrag mit großer, stetig wachsender Wahrscheinlichkeit im Treibsand der Kafkaliteratur vollkommen verlieren wird. Angst, der messerscharfe Verstand des einen Kafkaforschers drohe unter der Feder des jeweils anderen Kafkaforschers sich unmittelbar in Wirrköpfigkeit zu verwandeln oder, schlimmer noch, im Stimmengewirr der Kafkaexegese völlig untergraben zu werden, hat das harte Schicksal des Kafkaforschers zum Gegenstand eines Klageliedes mit hohem Hitpotential werden lassen. Selbst wer sich nur stichprobenartig mit der Sekundärliteratur auseinandersetzt, wird kaum diesem beinahe schon obligatorischen Klagegesang über die längst nicht mehr überschaubare Unmenge an divergierenden Interpretationen zu entkommen verstehen.

Ein kurzes Medley: Peter Beicken (1974) setzt Mitte der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, fünf Jahrzehnte nach dem Tod Franz Kafkas, an, um in einer Einführung in die Kafkaforschung, "das nahezu Unüberschaubare so zusammenzuziehen, daß sich Orientierung ergibt" (1974: XIII). Beicken glaubt den wahren Kafka in einem "Knäul der Rezeptionsmotive" (1974: 48) verfitzt, diagnostiziert ein kritisches Chaos (1974: 49), sieht Kafka infolge widersinniger "Tiefschürungen der Leserschaft wie der Kafkalogen" (1974: XIII) verschüttet "unter dem Ballast der Überladung" (1974: XIII) als "Gigant, ja fast als literarisches Monstrum" (1974: XIII) in einer "Überfremdung durch Außerliterarisches" (1974: 53) dem Leser unerkennbar entzogen. Susan Sontag (1980: 13), in ihrem Essay Gegen Interpretation , scheut sich nicht, Kafka als Opfer einer Massenvergewaltigung durch Armeen von Interpreten zu sehen. Bilder des wahren Kafkas, erdrückt von der ins Monströse wuchernden Kafkaexegese, haben Karriere gemacht. ""Kafka und kein Ende?"", beginnt Susanne Kessler (1983) ihre Einleitung mit einem Zitat, "lautete schon vor Jahren der Titel eines Aufsatzes von Hans Mayer 1 , der gleichsam unter der Last der bis dahin erschienenen Literatur stöhnt. Inzwischen ist deren Umfang um ein Vielfaches angewachsen und kaum noch übersehbar." (1983: 1; Anführungszeichen im Original, Fußnote von mir).

Tatsächlich scheint es fast schon zu einem ungeschriebenen Gesetz der Kafkaforschung geworden zu sein, sich zu Beginn einer Untersuchung für ihre Publikation zu entschuldigen. Leena Eilittäs (1999) Einleitungssatz liefert die prototypische Formulierung dieses Rituals: "Franz Kafkas (1883-1924) Dichtung ist bereits aus so vielen verschiedenen Blickwinkeln untersucht worden, dass es unnötig erscheinen mag, dieser wachsenden Menge an Sekundärliteratur eine weitere Untersuchung hinzuzufügen." (1999: 8; Übersetzung von mir). Rainer Nägele (1987), unschlüssig, ob in dieses Lamento einzustimmen sei oder nicht, eröffnet seinen Beitrag zu einem Sammelband mit einer Frage, welche sowohl nach dem Sinn seines eigenen Beitrags als auch nach dem Sinn der Publikation des Sammelbandes fragt: "Noch eine Interpretation, noch ein Essay, noch ein Buch über Kafka? Dieser gewaltige Textkorpus, der von Kafkas Texten zehrt und Jahr für Jahr wächst [...]. U

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