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Dem Schwaben sein Dativ Neue Wortgeschichten von Wolf-Henning Petershagen von Petershagen, Wolf-Henning (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.05.2016
  • Verlag: WBG Theiss
eBook (ePUB)
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Dem Schwaben sein Dativ

Erstens stimmt es nicht, dass die Schwaben keinen Genitiv kennen. Und zweitens ist ihre Art, den Dativ zu bilden, nicht nur legitim, sondern durch und durch zweckmäßig. Das weist Wolf-Henning Petershagen in seinem neuesten Werk 'Dem Schwaben sein Dativ' nach. Es enthält 60 bislang noch nicht in Buchform veröffentlichter Kapitel der beliebten Zeitungsserie 'Schwäbisch für Besserwisser'. Darin erfahren wir unter anderem, dass die schwäbischen Ölhäfen nicht an der Küste liegen und eine grillende Nachbarin nicht die Nase, sondern die Ohren strapaziert. Es geht jedoch nicht nur um sprachliche Eigenwilligkeiten der schwäbischen Mundart. Auch die Mentalität wird untersucht, die den Schwaben beispielsweise zwingt, sich lieber die Zunge abzubeißen als 'Ich liebe dich!' zu sagen. Und schließlich wird noch mit dem Irrglauben abgerechnet, dass die Kehrwoche ein typisch schwäbischer Gendefekt sei. Wolf-Henning Petershagen ist Historiker und Kulturwissenschaftler. Er arbeitete lange Jahre als Redakteur bei der Südwest Presse in Ulm und ist Autor mehrerer Bücher zur schwäbischen Sprache, Geschichte und Kultur.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: AdobeDRM
    Seitenzahl: 160
    Erscheinungsdatum: 01.05.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783806233292
    Verlag: WBG Theiss
    Größe: 2381 kBytes
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Dem Schwaben sein Dativ

36
Mentalität und Verhalten

37 Der schwäbische Mensch tickt mitunter etwas anders als der Rest der Welt. Das drückt sich auch in seiner Sprache aus.
38 Sind Schwaben gefühlsarm?

Sind Schwaben gefühlsarm? Das wird immer wieder vermutet, weil ihnen der Satz Ich liebe dich nicht oder nur unter Androhung von Liebesentzug über die Lippen geht .

Selbst in den entlegensten Weltregionen muss man damit rechnen, einem Eingeborenen zu begegnen, der, auch wenn er sonst kein Wort Deutsch kann, die Formel Ich liebe Dich beherrscht. Im schwäbischen Sprachraum hingegen wird man sie kaum vernehmen; auch nicht in schwäbischer Aussprache. Theoretisch müsste die I liab' de lauten. Doch die Reaktion, die dieser Satz bei Schwaben auslöst, ähnelt der beim Kratzen von Fingernägeln auf der Schultafel. Es ist also nicht die erwünschte.

Die Aversion gegen den standardsprachlichen Liebesschwur wird oft fehlgedeutet als Unfähigkeit, Gefühle zu äußern. Dem liegt das - vor allem bei Intellektuellen - verbreitete Missverständnis zugrunde, Gefühle ließen sich nur mit Hilfe des Mundwerks ausdrücken.

Dieser Irrtum hat unter anderem dazu geführt, dass während der Siebzigerjahre auch biedere Schwäbinnen und Schwaben im studentischen oder städtischen Milieu sich plötzlich genötigt fühlten, anderen Menschen zur Begrüßung um den Hals zu fallen, um nicht als verstockt zu gelten. Doch ihre Körperhaltung verriet das Zwanghafte der Handlung. Das aber beweist, dass auch Schwaben über eine Körpersprache verfügen, mit der sie oft mehr verraten als ihnen lieb ist.

Dennoch kommt es vor, dass Schwaben ihre Zuneigung in Worte fassen wollen. Doch selbst dann lehnen sie den Satz Ich liebe dich ab, der auch in anderen Mundarten und in der Umgangssprache überhaupt durch Umschreibungen wie Ich mag dich oder Ich hab' dich lieb ersetzt wird.

39 Diese Formulierungen muten weniger pathetisch an. Aber drücken sie deswegen weniger Emotion aus?

Tatsächlich ist jenes Ich hab' dich lieb älter als Ich liebe dich , das erst in Mode kommen konnte, nachdem das Verbum lieben am Ende des Mittelalters auch die Bedeutung des älteren "minnen" übernahm. Wie alt das Bekenntnis Ich mag dich - oder schwäbisch: I mag de - ist, das ist schwer zu sagen. Das Wörterbuch der Brüder Grimm teilt nur mit, dieses mögen im Sinne des Ausdrucks einer Zuneigung sei "gewiss der täglichen Rede von lange her eigen" und "in oberdeutschen Mundarten namentlich recht gewöhnlich".

Wer nun einzuwenden hat, mögen stelle den oder die Geliebte(n) auf die gleiche Stufe wie einen Zwiebelrostbraten, der nehme zur Kenntnis, dass die Wortgeschichte von lieben tatsächlich in Richtung Magen deutet: Sie könnte im Laub wurzeln; Kluges Etymologisches Wörterbuch hält einen Zusammenhang mit "der Begierde der Herdentiere nach frischen Laubzweigen" für denkbar.

Im Übrigen sei darauf hingewiesen, dass niemand auf die Idee käme, das spanische te quiero eines Latin Lovers als emotional minderwertig zu betrachten. Dabei ist es die wörtliche Übersetzung von I mag de .
40 Die Angst vor dem Erfolg

"I hoff' net, dass-e g'winn." Diesen bemerkenswerten Satz formulierte ein schwäbischer Lotto-Spieler am Tag vor der Ziehung eines 26,7-Millionen-Jackpots .

Zunächst ist man geneigt, den Satz für verdreht zu halten. Denn normalerweise sagt man nicht "ich hoffe nicht, dass", sondern "ich hoffe, dass nicht". Ein schwäbischer Lapsus Linguae?

Schwäbisch ja, Lapsus nein. Hätte der Lottospieler gesagt: "I hoff, dass-e net g'winn", hätte man ihn zu Recht für verrückt halten dürfen, denn niemand zahlt Einsatz für ein Spiel, das er nicht gewinnen will. Doch das "I hoff net, dass"

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